Sündflut? Nein, Liebe!

Ich bin etwas verstört von diesem Artikel über das aktuelle Hochwasser als Sündflut. Auch wenn ich gerade im Ausland wohne, liegt meine Heimat doch immer noch in Sachsen. Ich bin betroffen, wenn ich die Bilder von dort sehe. Ich leide mit den Menschen, die teilweise nun zum 2. Mal innerhalb weniger Jahre von vorn anfangen müssen. Ich bin begeistert von dem Zusammenhalt. Ich finde es schade, nicht selbst vor Ort sein und helfen zu können. Ich bete für die Betroffenen und die Helfer.

Aber Sündflut*? Hat uns Gott nicht die Freiheit gelassen? Läßt er uns nicht unsere eigenen Entscheidungen treffen? Auch wenn wir uns für die Sünde entscheiden? Hat er nicht versprochen, die Erde wegen der Menschen nicht noch einmal zu verfluchen (Gen 8,21)? Verspricht der Regenbogen als Zeichen seines Bundes mit den Menschen nicht, dass nie wieder alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden, nie wieder eine Flut kommen und die Erde verderben wird. (Gen 9,11)?

Der Lauf der Welt ist in Gottes Hand. Und sicher ist das Hochwasser eine Konsequenz unseres Verhaltens (siehe dazu z.B. den Artikel von Ameleo). Aber Gott ist die Liebe, er hat seinen eingeborenen Sohn (der gekommen ist um zu retten, nicht zu richten!) für uns geopfert, dass wir erlöst werden, er hat uns geschaffen, uns gewollt, er liebt uns nicht nur, er IST die Liebe – wie könnte er uns dann Böses wollen…?

*Wikipedia hat mir grad beigebracht, dass Sintflut gar nicht Sündflut bedeutet, sondern die Vorsilbe sin– immerwährend, andauernd, umfassend bedeutet. Sintflut also immerwährende Überschwemmung. Stimmt das? Nachher mal im etymologischen Wörterbuch nachsehen.

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Christen und das schlechte Gewissen

Ich finde ja, Christen sind besonders prädestiniert für ein schlectes Gewissen. So viele „Du sollst“, so oft „Tu Gutes“, „Hilf den Armen, Hungernden, Kranken, Alten, Verfolgten, Gefangenen“, „Liebe Gott“, „Liebe dich selbst“. Und dann all die Heiligenerzählungen, alle so (scheinbar) perfekt und gut und fromm und gläubig. (Ich weiß, auch Heilige hatten zu kämpfen mit Zweifeln und Ängsten und Schmerzen – aber wieso liest sich selbst das immer so „heilig“?)
Wenn ein nicht-gläubiger Mensch tagelang im Bett bleibt, sich bei niemandem meldet, Geburtstage vergisst, den Abwasch nicht macht – selbst schuld, mit den Konsequenzen muss er leben. Als Christ ist da immer noch jemand, an dem wir uns ausrichten, dem wir nacheifern sollen. Ich find das manchmal ganz schön anstrengend, unschaffbar.

In so einer Verfaasung las ich vor ein paar Tagen das Kalenderblatt vom „Anderen Advent“:

Schale der Liebe

Wenn du vernünftigt bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen. Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.
Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.
Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut?
Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle;
wenn nicht, schone dich.

Bernhard von Clairvaux

Genau das habe ich getan. Musste ich tun. Und dabei ist auch das Bloggen auf der Strecke geblieben. Was – vor allem wenn ein Blog noch so neu ist – sicher nicht günstig ist. Aber der Blog soll in erster Linie ja Hilfe für mich sein und mir nicht noch mehr Streß machen, auch wenn ich natürlich auf Leser und Kommentare hoffe. Aber alles zu seiner Zeit.

Christ und (trotzdem) depressiv?

Manchmal frage ich mich, wie man all das schaffen soll. Wie schafft man es sein Leben zu meistern? Oder wenigstens zu „gesellen“? Muss ja kein Meisterstück werden, aber sollte doch irgendwie gelingen.

Es liegt keine ganz leichte Zeit hinter mir. Ich war in Therapie, habe Antidepressiva genommen. Inzwischen lebe ich ohne beides. Doch vorbei ist die Zeit nicht. Vieles, was ich damals getan habe, um … ja, warum eigentlich? Um mich zu spüren? Um mich nicht mehr zu spüren? Um zu vergessen, zu verdrängen? Es belastet mich bis heute. Ich finde keinen Abschluss, keine Vergebung. „Haben Sie sich selbst verziehen?“ fragte mich meine Beraterin einmal. Nein, ich habe es bis heute nicht. Das sind die Nachwehen der schlimmen Depression, die ich immer noch spüre.

Etwas anderes sind die kleinen Depressionen, die immer wiederkehren. Das Unvermögen irgendetwas zu tun. Die Kraftlosigkeit, das Muster zu druchbrechen. Die lähmende Müdigkeit. Obwohl ich weiß, was mir gut tut, was mir in so einer Situation hilft, obwohl ich weiß, dass ich für so vieles dankbar sein kann, dass es anderen viel schlechter geht – in diesen Momenten nützt das alles nicht.

Huppicke beschreibt es in ihrem Blog, der zu meiner fast täglichen Lektüre geworden ist und in dem ich mich trotz sehr unterscheidlicher Lebensweise so oft wiederfinde:

Ich spüre, dass ich in diesen Tagen unterschwellig selbstzerstörerisch und selbstmissbrauchend bin. Mein Zustand, den die Therapeutin depressiv nannte. Ich weiß nicht. Die meisten anderen Patienten, die ich traf, die hatten wirklich Grund dazu. Ich nicht.
[…]

Das Stundengebet tut mir gut.
Die Heilige Messe tut mir gut.
Ordnung im Haus tut mir gut.
Draußen sein tut mir gut.

Bin ich unterschwellig depressiv lasse ich das alles fallen. Ich tue, was mir gut tut, einfach nicht. Ja, das geht so einfach. Und das Gute zu tun wird so schwer.

Ich „kann“ dann nichts anderes tun als im Internet zu surfen und fernzusehen – und das auch nur weil man leider nicht die ganze Zeit schlafen kann. Ich kann nicht beten, nicht dankbar sein und erst recht nicht Gott loben.

Macht das Christsein eine Depression schlimmer? Oder sollte die „Frohe Botschaft“ einem nicht eigentlich Trost und Kraft spenden? Und wenn sie es nicht tut, was bedeutet das dann für mich als Christ?

Es stimmt wohl beides. Der Glaube kann einem wieder Kraft geben, aber er kann die Schuldgefühle auch verstärken. So wie die Depression an sich ein sehr widersprüchliches Wesen hat. Denn man „weiß“ genau, wie sie funktioniert und was man tun muss, um aus den Schatten wieder heraus zu kommen und doch tut man es nicht.

Sind Christen also „anders“ depressiv? Ich denke ja, und deswegen sollten für sie auch entsprechende Therapiemöglichkeiten geboten werden, die den religiösen Bezug herstellen. Ein paar (unvollendete) Gedanken dazu:

Wenn ich in einer depressiven Phase bin, dann kann ich das Schöne nicht sehen, nicht die Sonne, die Blumen, das Meer, die Berge und auch nicht das Gute in meinem Leben, daß ich keinen Hunger leiden muß, in Frieden leben kann, eine Familie, eine Beziehung, Freunde habe. Dieses Gefühl ist nicht schön und ich gelte schnell als undankbar. Unerträglich wird aber das Gefühl dadurch, dass ich ja daran glaube, daß Gott der Schöpfer all dessen ist und ich so nicht nur ins Leere hinein undankbar bin, sondern ganz konkret meinem Gott gegenüber.

Ich kann nicht beten, nicht mit Gott in Beziehung treten, was doch meine Aufgabe ist als sein Kind. Ich vernachlässige also nicht nur mein persönliches soziales Umfeld, meine Arbeit, mich selbst. Ich wende mich ab von dem, der mich geschaffen hat und dem mein Körper als Tempel dienen soll.
Von Werken der Nächstenliebe brauchen wir gar nicht zu reden. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass nur der den Nächsten lieben kann, der sich selbst liebt und wer tut das schon, wenn er depressiv ist.

Ich bin also nutzlos, nichts wert, zu nichts zu gebrauchen. Vorbilder aus der Bibel oder aus Heiligenlegenden machen mir mein erbärmliches Leben nur umso bewusster, denn DIE hatten wirklich Probleme und haben nicht an Gottes Liebe und seinem Beistand gezweifelt.

Vor allem in den Psalmen findet man viele Worte, die die Situation in der man sich in der Depression befindet, genau beschreiben:

Ich bin gekrümmt und tief gebeugt, den ganzen Tag geh ich traurig einher. (Ps 38)

… den ganzen Tag musste ich stöhnen … meine Lebenskraft war verdorrt wie durch die Glut des Sommers. (Ps 32)

Schon reicht mir das Wasser bis an die Kehle. Ich bin in tiefem Schlamm versunken und habe keinen Halt mehr. (Ps 69)

Und in jedem von ihnen findet sich die mutmachende Zusage, dass Gott trotz allem da ist, geholfen hat und hilft und ihm dafür Lob und Dank gebührt.
Doch die unzähligen Beispiele für Gottes Barmherzigkeit kommen nicht an, sie verpuffen einfach, bevor sie das Herz erreichen und Antrieb werden können.

Eine weitere Paradoxie der Depression ist das Gefühl die Last der ganzen Welt läge einem auf den Schultern, sich andererseits aber bewusst zu sein, dass es nur Kleinigkeiten sind, an denen man scheitert: der Abwasch, der Einkauf, das Abendgebet, das Zähneputzen. Wie kann ich angesichts solcher Lapalien Gott um Hilfe und Stärke zur Erfüllung dieser Aufgaben bitten?

Beim Stöbern im Internet zu diesem Thema bin ich oft auch auf die Aussage gestoßen, dass Depressive sich von Gott für ihre Sünden bestraft fühlen. Zum Glück (oder besser Gott sei Dank!) ging und geht es mir nicht so. Ich denke nicht, dass Gott mit Krankheiten (physischen wie psychischen) oder anderen Katastrophen strafen will. Dafür muss es eine andere Erklärung geben (und um darauf einzugehen braucht es einen eigenen Artikel).
Und doch kann ich diesen Gedankengang nachvollziehen und auch die Konsequenz sich von Gott abzuwenden, nicht mehr an ihn zu glauben, denn wenn es ihn gäbe, müsste er mein Schreien doch hören und erhören. Doch auch das liegt mir – nochmals Dank sei dir, Gott! – fern.

Warum?

Tief in mir ist das Vertrauen, dass Gott da ist, Gott hilft, mir Gott immer wieder eine Chance gibt, Gott verzeiht, wenn ich keine Kraft für ein Gebet hatte.
Ich glaube an Gott. Punkt.
Und ich kann mir nichts vorstellen, was mir diesen Glauben nehmen könnte.
Ich verstehe vieles nicht, ich habe Fragen zu vielen Glaubensdingen, habe zu Teilen des Katechismus auch eine andere Meinung. Aber ich glaube.

Und ich will darauf vertrauen, dass Gott mir Kraft gibt, dass es gut ist, so wie es ist, dass er es lenkt und leitet, dass er mir mein Kreuz auferlegt, aber auch die Kraft gibt, es zu tragen.