Babylonische Sprachverwirrung, Pfingstwunder – oder Latein als Lingua franca?

Vor zwei Jahren hatte ich recht intensiven Kontakt zu einer Muslima. Und ihre Glaubenspraxis hat mich sehr beeindruckt. Ich war begeistert von so vielem im Islam. Scheinbar zu jeder noch so kleinen alltäglichen Situation gibt es Regeln, gibt es die passenden Koranverse. Ich habe ihr gern beim Beten zugesehen, die Bewegungen, das tiefe Verneigen.

(Wir Katholiken knien ja immerhin ab und an, aber das war noch was anderes. Ich habe danach versucht, das „Vater unser“ mit Bewegungen zu beten – das fühlte sich falsch an, nachgemacht. Aber ab und an habe ich meine persönlichen Gebete nicht nur im Knien gesprochen, sondern mit der Stirn auf dem Boden – und das gibt mir viel: Ich mache mich klein und doch spüre ich so eine stärkere Nähe zu Gott.)

Der Islam schien eine stärkere Führung und Leitung zu versprechen und damit ein Aufgehobensein. All diese Regeln sind wohl vergleichbar mit Moses Gesetzen aus dem AT, während das NT von uns eher ein selbständiges Denken und Handeln fordert. Deswegen gibt es ja so viele Fragen zum rechten Glaubensweg, wie Nachfolge Jesu aussehen kann/soll/muss.

Aber noch etwas anderes faszinierte mich: das „Lesen“ des Korans (was nicht nur das tatsächliche Lesen in ihm bedeutet, sondern auch das mündliche Rezitieren). Natürlich gibt es Übersetzungen des Korans, aber der Koran ist (und bleibt) arabisch. Alle Muslime auf der Welt lesen haargenau die gleichen Texte. Wenn sie zusammen beten, tun sie dies mit den gleichen Worten, in der gleichen Sprache. Und – sie können viel mehr Koranverse auswendig als ich und „wir Katholiken“ (zumindest die, die ich kenne) Bibelstellen.
Fand ich toll, wollt ich auch haben!

Also wollte ich zumindest einige Stellen der Bibel auswendig lernen, einige Psalmen für den Anfang, die kann man immer mal gut gebrauchen. Aber von welcher Übersetzung?
Luther? Einheitsübersetzung? Moderne Übersetzungen? Und welche da: Hoffnung für alle, Neue Genfer Übersetzung, Neues Leben? Bibel in gerechter Sprache? Oder oder oder.
Sollte es bei der Wahl um größtmögliche Nähe zum Urtext gehen oder um eine möglichst schöne Sprache oder um beste Verstehbarkeit?
Ich war verwirrt über die Fülle an Bibelübersetzungen. Und das nur für deutsch!
Da dachte ich mir, es wär doch eigentlich praktisch, wenn es die Bibel auch nur in einer Sprache gäbe, im „Original“ sozusagen – verbindlich für alle und alle Zeiten. Also Hebräisch.
Und Aramäisch.
Und Griechisch.
Ok, das kann es auch nicht sein. Latein vielleicht?

Das war alles nicht praktikabel. Ich hab mich dann für die Einheitsübersetzung entschieden, die „katholische“ Version sozusagen. (Obwohl ich die Sprache Luthers zum Erzählen viel schöner finde, die alten Worte. Wenn ich die Weihnachtsgeschichte erzählen soll, würde ich immer zu Luthers Übersetzung greifen.) Die Einheitsübersetzung soll ja das bieten, was mich beim Koran so fasziniert hat: eine einheitliche Bibel. Zumindest für Deutschland.
Im Gegensatz zum Koran ist es allerdings eine Übersetzung. Und das finde ich gut. Auch wenn es dem weltumfassenden gemeinsamen Lesen entgegensteht. Doch jeder sollte das Wort Gottes in seiner Sprache „hören“ können. Keine Fremdsprache, und wenn man sie noch so gut beherrscht, kann das leisten, was die Muttersprache vermag. Nur in der Sprache, in der ich denke, fühle, handle, kann ich die Botschaft wirklich verstehen. Deswegen ist es wichtig in gute Übersetzungen zu investieren. Deswegen haben auch verschiedene Übersetzungen ihren Platz. Deswegen habe ich auch zusätzlich die Basisbibel.
Aber ich fände es schön, sich auf eine Übersetzung zu einigen, die man zitiert, die man nutzt – voilà die Einheitsübersetzung.
Der Traum von einer weltweiten Einheitsübersetzung wird ein Traum bleiben. Die Sprachverwirrung in Babel ist schuld. Den Zustand von vorher, von einer Sprache erreichen wir vielleicht wieder im Reich Gottes.

Aber Pfingsten hat uns gezeigt, dass es ok ist, wenn jeder in seiner Sprache das Wort Gottes hört. Und im Vertrauen auf das Wirken des Heiligen Geistes können wir auch sicher sein, dass die Übersetzungen „richtig“ sind. Und der Heilige Geist wird in diesem Zusammenhang immer gefordert bleiben, denn Sprache ist dynamisch, ändert sich. Und so wird immer wieder eine neue Übersetzung erforderlich sein. Ebenso das Berücksichtigen neuer bibelwissenschaftlicher Erkenntnisse. Genauso wie das Interpretieren der Texte und das Übertragen in unsere heutige Zeit. Darin liegt die große Chance der Gleichnisse. Sie müssen interpretiert werden. Also können wir sie auch für unsere „modernen“ Zeiten interpretieren.

Nach all diesen Überlegungen habe ich erkannt, dass ich nicht neidisch auf die einheitliche Sprache des Koran sein muss, sondern dankbar sein kann, dass es das Wort Gottes auf deutsch und russich und schwedisch und italienisch und persisch und arabisch und und und gibt. Nun weiß ich den Wert der Übersetungen zu schätzen.
Und ich habe mich an internaionale katholische Jugendtreffen erinnert und an die Kraft, die von einem „Vater unser“ ausgeht, das jeder in seiner Sprache spricht. Wir beten, lesen ja dasselbe! Der Inhalt ist wichtig, nicht die sprachliche Hülle!

Natürlich hat ein wirklich gemeinsam gesprochenes Gebt in der gleichen Sprache auch eine ganz besondere Kraft. Ich erinnere mich an einen Wochentagsgottesdienst in der Kathedrale meiner Heimatstadt, bei dem eine Pfadpfindergruppe aus Tschechien (?) teilnahm. Der Pfarrer wunderte sich über die vielen Jugendlichen und als er merkte, dass diese kein Deutsch sprachen, hielt er die Messe auf Latein weiter. Eine schöne Idee, wie ich fand. Allerdings gab es ein Problem: Ich konnte nicht mitsprechen. In der Nachkonzils-Kirche großgeworden, habe ich als Kind kaum eine Messe mit lateinischen Gebetstexten erlebt. Ich hatte auch kein Latein in der Schule belegt. Woher sollte ich es wissen? Ok, das „Kyrie“ und „Deo gratias“ und sogar noch das „Sanctus“ hab ich schon noch hingekriegt, aber die gute Absicht des Pfarrers scheiterte an meinen fehlenden Lateinkenntnissen. Und den Jugendlichen aus vermeintlich Tschechien ging es genauso. Schade eigentlich. Natürlich kann man die Messe trotzdem mitfeiern, man kennt den Ablauf, kann die Texte in Gedanken auf Deutsch mitsprechen, aber Latein als Lingua franca der katholischen Kirche – ja, das gefällt mir.

So will ich nun wenigstens die gängisten Gebete und Antworten in der Messe auf Latein auswendig lernen. Sehr praktisch, dass ich, bevor ich ins Ausland gegangen bin, mir das Taschen-Messbuch gekauft hab. Diese Woche im Latein-Unterricht: das „große“ Glaubensbekenntnis:

Credo in unum Deum,
Patrem omnipotentem,
factorem cæli et terræ,
visibilium omnium et invisibilium.

Et in unum Dominum Iesum Christum,
Filium Dei unigenitum,
et ex Patre natum ante omnia
sæcula.
Deum de Deo, Lumen de Lumine,
Deum verum de Deo vero,
genitum non factum,
consubstantialem Patri;
per quem omnia facta sunt.
Qui propter nos homines et propter nostram salutem
descendit de cælis.
Et incarnatus est
de Spiritu Sancto ex Maria Virgine,
et homo factus est.
Crucifixus etiam pro nobis sub Pontio Pilato,
passus et sepultus est,
et resurrexit tertia die, secundum Scripturas,
et ascendit in cælum,
sedet ad dexteram Patris.
Et iterum venturus est cum gloria,
iudicare vivos et mortuos,
cuius regni non erit finis.

Et in Spiritum Sanctum,
Dominum et vivificantem,
qui ex Patre Filioque procedit.
Qui cum Patre et Filio simul adoratur et conglorificatur:
qui locutus est per prophetas.
Et unam, sanctam, catholicam et apostolicam Ecclesiam.
Confiteor unum baptisma in remissionem peccatorum.
Et expecto resurrectionem mortuorum,
et vitam venturi sæculi.
Amen.

(Nochmal schnell die Ausspracheregeln googlen.)

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