Kirche: reserviert

Heute war ich eine Stunde früher in der Messe, um 9 Uhr. Normalerweise genieße ich das Ausschlafenkönnen dank 4 Messen allein am Sonntagvormittag (jaja, das italienische Exil hat auch Vorteile).

Als ich in die Kirche kam, waren die Bänke noch eher spärlich besetzt, ich war eine Viertelstunde früher da und suchte mir einen Platz im rechten vorderen Bankblock im Hauptschiff und wollte mich noch ein wenig sammeln. Da setzte sich eine ältere Dame mit (wahrscheinlich) ihrem Enkelkind neben mich und meinte: „Hier ist reserviert für die Kinder.“

Ok, gut, die sollen vorn sitzen, aufpassen, verstehen – alles klar, geh ich weiter hinter. (Die Frage: „Und wieso sitzen Sie dann hier“ kam mir so schnell auf italienisch leider nicht in den Sinn.) Ich ging also auf und suchte mir einen Platz in den Bankreihen hinter dem mittleren Quergang. Kaum saß ich, sagte eine Frau, die ebenfalls in dieser Reihe saß: „Hier ist reserviert für die Kinder.“ Wie? Hier auch noch? „Ja.“ Toll wäre eine Antwort a la „Ich bin auch ein Kind Gottes.“ gewesen, aber wem fällt sowas in der Situation schon ein…

Ich muss zugeben, ich war getroffen und wußte erstmal nicht mehr, wohin. Und so ging ich in die Seitenkapelle und kniete mich vor den Tabernakel. Ein paar Tränen konnte ich nicht vermeiden. Auch wenn es banal war, hat es einen tiefen Punkt in mir getroffen, das Gefühl abgelehnt zu werden, nicht dazu zu gehören, was ich als Kind vielleicht ein paar Mal zu oft gespürt hatte und die Angst davor. Am liebsten wäre ich wieder gegangen, in eine andere Kirche oder zum Fernsehgottesdienst nach Hause.

Auf dem Weg zum Ausgang leuchtete mich ein Platz in der vorletzten Bank an. Ok, letzter Versuch: „Ist hier frei?“ Ja. Na gut. Ich bleibe. Andacht hatte ich in der Messe kaum…
Vor allem weil sich mehr und mehr ein Gefühl der Wut einstellte, als mehr als die Hälfte der reservierten Bänke (wir reden hier von zwei Dritteln der regulären Kirchenbänke im Hauptschiff) frei blieb und die „Bankwächter“ auch nicht dafür sorgten, dass die Kinder sich doch dann wenigstens erstmal in die vorderen Reihen setzen. Stattdessen mussten immer wieder Leute sich einen anderen Platz suchen oder sich einen Stuhl zwischen oder hinter die Säulen stellen ohne Kniebank usw.

Das Getroffensein und die Wut sind verschwunden. Soooo schlimm war es ja nun auch nicht. Was bleiben sind Überlegungen zur Reservierung von Kirchenbänken und zu Kindern in der Messe.

Reserviert!

Bei besonderen Anlässen (Erstkommunion, Trauung, Taufe…) kenne ich es, dass die ersten Reihen reserviert sind, allerdings dann eindeutig mit Schild. Ok, das ist verständlich, auch wenn ich es eigentlich überlüssig finde. Wenn man zu so einem Anlass kommt und nicht zu den Angehörigen gehört, dann setzt man sich doch selbstverständlich weiter hinten hin, oder?
Aber so war es ja heute nicht, es war ein ganz normaler Sonntagsgottesdienst, der offenbar als Gemeindetradition speziell für Kinder ist. Klar, wer zur Gemeinde gehört, weiß das und setzt sich nicht „so weit“ (haha!) vorn hin. Auch in meiner deutschen Heimatgemeinde sitzen in den ersten zwei Reihen vor allem Kinder, aber durchaus auch Erwachsene, Familien eben. Aber über die Hälfte der Bänke für Kinder reservieren, die teilweise erst zum Evangelium in die Kirche gestürmt oder eben auch gar nicht kommen? Hm…

Kinder, Kinder, Kinder

Kinder in der Kirche sind ja immer ein Thema, egal ob man sie hat oder nicht. Die einen fühlen sich gestört, die anderen finden, Kinder gehören in die Kirche, den nächsten ist es ziemlich egal. Eigentlich gehör ich zur dritten Gruppe. Ich hab keine Kinder, hab also gut reden (Mütter und Väter, klärt mich auf.)

„Lasstet die Kinder zu mir kommen.“ Auch in der Kirche, zur Messe – klar. Bei kleinen Kindern versteh ich allerdings nicht recht, warum. Denn nicht selten hat die Mutter/der Vater keine Andacht um der Messe zu folgen, weil das Kind spielen, brabbeln, laufen will oder es brüllt und man geht mit ihm nach draußen. Oder es brüllt und weil Kinder ja aber dazu gehören, bleibt man trotzdem in der Kirche und kriegt nichts mit und alle um einen herum auch nicht.

Ab einem gewissen Alter ist es wichtig, dass Kinder in die Kriche mitkommen, kennenlernen, auf was sie da eigentlich getauft sind, was dieser Glauben denn bedeutet, sich vorbereiten auf ein Leben in und mit der Kirche. Und das muss für Eltern echt schwierig sein. Den Kindern einerseits die wundervolle Messe nahe zu bringen, andererseits auch dafür zu sorgen, dass sie die doch recht lange Stunde „durchhalten“.

Ist es da vorteilhaft sein Kind in die Kinderreihen abzuschieben? Mehr Kinder machen mehr Quatsch als weniger Kinder. Ein störendes Kind kann die Bemühungen von 20 andern zunichte machen. Da können die paar Aufpasser auch nicht viel machen. Als ich durch die Kinderreihen zur Kommunion gegangen bin, sah es da eher aus wie im Klassenzimmer. Hier ein Buch, da ein Rucksack, dort wird gequatscht, da sich umgedreht, dort geschubst, hier der Platz getauscht.

Ich musste als Kind nie allein bei den Kindern vorn sitzen, ich war auch viel zu schüchtern. Aber meine Eltern hatten so auch die Möglichkeit mir manches zu erklären, mir auch mal zu sagen, wie lange es denn nun noch dauert, mir zu sagen, jetzt kommt das „Vaterunser“, jetzt musst du ganz still sein usw.

Ich gebe zu, als Kind habe ich nichts verstanden von dem Wunder, was jeden Sonntag in der Messe passiert. Wahrscheinlich bis als junge Erwachsene hatte ich keine Ahnung davon. Aber die Messe gehörte dazu und ein entsprechendes Benehmen auch.
Und damit meine ich vor allem, dass ich die anderen in ihrer Andacht nicht störe. Dass da mal schnell etwas geflüstert werden muss, kein Problem! Dass man mal in der Tasche rascheln muss, ok. Dass zur Not auch mal ein Handy klingelt (das man dann natürlich schnellstmöglich ausmacht!), selbst das ist zwar nicht schön, kann aber passieren. In meiner Heimatgemeinde gab es mal einen regelrechten Streit zwischen den kinderreichen und kinderlauten Familien und den alteingesessenen älteren Gottesdienstbesuchern. Und der Pfarrer hilflos dazwischen – auch kein leichter Job.

Ich hab nichts gegen Kindergottesdienste, oft genieße ich die einfachen Bilder, Worte und Gesänge, weil sie einen Zugang zum Glauben bieten, den man als ach so aufgeklärter Erwachsener manchmal vergisst. Weil sich dort (gelegentlich) ein Glauben und Vertrauen findet, auf den man nur neidisch werden kann.

Aber jeden Sonntag? Jeden Sonntag bei der Wandlung vorn um den Altar stehen? Jeden Sonntag alles in kleine, gut verdauliche Häppchen verpackt? Jeden Sonntag nur das Bild vom „lieben“ Gott?

Ich bin noch nicht am Ende mit meinen Überlegungen. Vielleicht habt ihr ja noch ein paar Meinungen und Ansichten für mich?

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