Gott be-greifen

Der post spukt mir schon länger im Kopf herum, heute zum Fest des Hl. Apostel Thomas passt er nun zufällig auch ganz gut.

Thomas, der nicht glauben konnte ohne zu sehen, ohne zu berühren, der nicht glauben konnte, ohne es zu begreifen, zu be-greifen.

Wir müssen glauben ohne zu sehen und wir kennen wohl alle Momente des Zweifelns, in denen wir nur zu gern unsere Hand in Jesu Seite legen würden. Thomas steht sozusagen stellvertretend für uns alle, die wir uns manchmal schwer tun mit dem Glauben, er hat für uns bezeugt „Mein Herr und mein Gott!“

Dazu der Hymnus von der heutigen Vesper aus dem Te Deum:

Mein Herr und mein Gott,
auch wir Zweifler
wollen begreifen,
das Unfassliche berühren.

Den Finger in die Wunde legen –
das musste einer tun,
nie verstummten Zweifel hegen –
das durfte nicht unterbleiben.
Wo kämen wir sonst vor
in diesem Stück.

Lade uns ein,
die Zögernden vom Rand,
dann tasten wir uns zurück
bis an dein Herz,
dieses Tor –
sperrangelweit offen für alle,
die nicht sehen und doch glauben.

C.D.

Als ich heute den Text aus dem Johannesevangelium las, ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass wir gar nicht erfahren, ob Thomas tatsächlich die Wundmale Jesu berührt hat. Jesus fordert ihn dazu auf – und irgendwie find ich den Gedanken schön, dass das vielleicht schon genug „Beweis“ für Thomas war. Und auch hier sehen wir wieder – wie bei Petrus, der auf dem Wasser läuft (Post dazu hier) – dass Jesus ihm nicht vorwirft gezweifelt zu haben, wieder reicht Jesus seinem Jünger die Hand und ermutigt ihn zum Glauben!

Verstehen und begreifen sind im Deutschen Synonyme und dadurch kann man dieses schöne Wortspiel machen (Weiß jemand, ob das in anderen Sprachen auch funktioniert?): Um etwas zu verstehen muss man es begreifen, greifen, mit den Händen anfassen. Als Lehrer ist mir das nicht neu, erzählen kann man viel, wenn die Schüler nicht mitmachen, nicht selbst etwas tun, bleibt nur wenig hängen. Und wie sagte schon Konfuzius:

Sage es mir und ich werde es vergessen. Zeig es mir und ich werde mich daran erinnern. Lass es mich tun und ich werde es verstehen.

Unser Glaube erscheint mir manchmal sehr verkopft und wenig greif-bar. Er ist so theoretisch, so aufgeklärt, so logisch – zumindest sollte er am besten so sein. Wir wollen verstehen – aber nur mit dem Kopf, nicht begreifen mit den Händen.

In Italien ist Religion, ist Katholisch-Sein viel alltäglicher als ich es aus meiner ostdeutschen Heimat kenne. Gottesdienste, Prozessionen, alles viel selbstverständlicher (die Qualität und Tiefe kann und will ich nicht beurteilen) und irgendwie … symbolischer.

Wenn man hier in die Kirche geht, fällt einem z. B. eine Geste sofort auf: Zum Abschluss des Kreuzzeichens wird die Hand/Faust zum Mund geführt und geküsst. Ich musste lange nach einer Erklärung dafür suchen, denn viele machen es einfach aus Gewohnheit, ohne es zu hinterfragen und ich muss gestehen, nach zwei Jahren hier, verspüre auch ich den Impuls zum „Amen!“ meine Hand mit den Lippen zu berühren, es passt auch einfach so gut. Inzwischen habe ich eine Erklärung gefunden, die mir recht logisch erscheint, auch wenn ich sie nur ohne Gewähr weitergeben kann: Man hat die Hand leicht zur Faust geballt und legt dabei den Daumen über den Zeigefinger, so dass sie ein Kreuz bilden, das Kreuz, unter das ich mich mit dem Kreuzzeichen gerade gestellt habe und dass ich nur als Zeichen der Verehrung küsse.  Nachdem ich diese Deutung weiß, mache ich es nun manchmal ganz bewusst – vielleicht probiert ihr es ja auch mal aus. 😉

Doch das ist bei weitem nicht die einzige Geste, mit der die Leute hier versuchen ihren Glauben zu begreifen: kaum eine Jesus-, Marien-, Heiligenstatue bleibt bei einem Kirchenbesuch ungeküsst. Gemälde, Rahmen, Sarkophage werden berührt, die Hand danach geküsst. Das ist mir fremd, da verspüre ich keinen Drang es ihnen gleich zu tun. (Ich war auch die einzige in der vollen Kathedrale, die bei der Karfreitagsliturgie das Kreuz nur durch eine Kniebeuge und nicht durch einen Kuss oder wenigstens eine Berührung mit der Hand verehrte.)

Ich will nicht über Vor- und Nachteile sprechen, es gibt hier wohl kein richtig oder falsch. Jeder muss/kann es so machen, wie er es will und ich bin wohl eher ein distanzierter Typ, aber trotzdem kann ich davon etwas lernen. Übrigens ist das ja kein katholisches Phänomen, die orthodoxe Kirche ist ohne das Berühren kaum vorstellbar, auch Nicht-Gläubige berühren ja bestimmte Statuen um Glück zu haben oder den Schornsteinfeger (wenn man denn noch einen trifft) und auch in anderen Religionen ist berühren selbstverständlich.

Was man sich also bewusst machen kann, ist die Bedeutung der Berührung. Wir haben nicht nur unsere Augen um zu sehen, unseren Verstand, wir haben Hände, Füße, wir können riechen, schmecken, fühlen und auch damit Gott erfahren. Es muss ja kein Kuss auf den schon ganz speckigen Fuß einer Heiligenfigur sein! Wir können Gott finden, indem wir den Wellen zuhören, dem Rascheln der Blätter, indem wir den Wind fühlen auf unserer Haut, indem wir die Arme austrecken zu unserem Vater im Himmel.

Und wir können diese Berührung weitertragen, in unsere Familien, zu unseren Freunden. Eine Umarmung, ein Schulterklopfen, ein Streicheln – es kann so viel geben. Eine kurze Berührung nur – wie es die seit 12 Jahren blutflüssige Frau mit Jesus‘ Gewand tat (hä?)- und schon sind wir geheilt.

Deswegen mag ich auch die Handkommunion, ich mag den Moment, wo der Leib Christi in meiner Hand liegt, ich kann ihn betrachten, ihn anfassen, ihn berühren und begreifen.

Also, lassen wir uns von Gott berühren, lasst uns Gott begreifen.

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Fragen

Wieso gibt es verschiedenen Konfessionen? Und wieso müssen sie so oft auf ihrem Recht bestehen und gegeneinander reden?

Wieso ist christliche Gemeinschaft so schwer zu realisieren?

Wir glauben doch alle an den einen Gott, den einen Herrn.

Verwirrt und traurig.

Auftakt

zu einer neuen (bzw. überhaupt einer) Serie auf dem Blog: Katholisch für Anfänger und Heidschnucken*

Im Artikel über mich und das Blog hab ich von meinem inneren Gespräch erzählt, der ausschlaggebend für das Schreiben dieses Blogs war. Es war ein Gespräch mit mir selbst, indem ich (in der Rolle einer fiktiven Freundin) mir selbst Fragen zu meinem Glauben stellte und diese dann natürlich auch mir selbst beantwortete. (Klingt jetzt beim Aufschreiben schizophrener als es in der Realität war 😉 )

Solche Gesprächen passieren in meiner Lebenswirklichkeit (leider) viel zu selten, aber manchmal gibt es sie doch, die Fragen „Was ist denn ein Tabernakel?“ „Ist das nicht eklig, wenn alle mit ihren Händen in das Weihwasserbecken fassen?“ Und manchmal, wenn ich meine Freundin mit in die Kirche nehme, sehe ich förmlich die Fragezeichen auf ihrer Stirn „Das ist doch alles Hokuspokus hier, oder?“

(Spannenderweise gibt es tatsächliche eine Theorie zum Ursprung des Wortes Hokuspokus, der direkt mit der katholischen Messe zu tun hat…)

Nach und nach soll hier also auf solche und ähnliche Fragen geantwortet und z.B. auch der Ablauf der Messe erklärt werden. Wenn dem ein oder anderen Leser eine Frage dazu auf den Nägeln brennt, dann nur her damit (als Kommentar z.B. hier oder per Mail, siehe Über/Kontakt). Aber bitte keine tief theologischen Fragestellungen. Ich bin Laie, ich bin einfach nur eine gläubige Katholikin, die aus ihrer Lebenswirklichkeit erzählen will.

*Bei mir zu Hause hat sich der Begriff „Heidschnucke“ (abgeleitet von Heiden) als Bezeichnung für Nicht-Gläubige etabliert. Denn Nicht-Gläubige klingt so negativ und abstrakt, so aktiv nicht-glaubend. Meine Freundin meinte in diesem Zusammenhang mal, sie sei kein Atheist, sie wisse nicht, ob es Gott gibt, aber sie könne nun mal nicht glauben, deswegen sei ihr das Wort Atheist oder Heide aber zu stark kontra und so sind wir zu Heidschnucke gekommen. Tatsächlich sind Heidschnucken übrigens Hausschafe.

„Aus-tre-ten! Aus-tre-ten!“

Die letzte Sendung von Günther Jauch hat mal wieder Wellen geschlagen in der katholischen und anti-katholischen Welt. Ich hab sie mir angesehen. Und ich war enttäuscht von Jauch. Für einen Moderator war mir seine (ablehnende) Haltung zu stark erkennbar, seine Fragen wirkten, als müsse er ein Programm abarbeiten. Naja, beim Titel war ja eigentlich schon klar, in welche Richtung es geht und welche Meinung die „richtige“ ist.

Zum Inhalt will ich mich nicht äußern, das kann man nachlesen (beim Mainstream oder der Blogozese, z.B. hier und da).
Für mich hatte die Sendung allerdings einen ganz persönlichen bitteren Nachgeschmack auf facebook. Eine Freundin bedachte Martin Lohmann in einem post nicht gerade mit rühmlichen Adjektiven, fand seinen Auftritt aber „gut“, da er hoffentlich viele dazu animiere, endlich aus der Kirche auszutreten.

 

 

Es hat mich getroffen und verletzt.

 

Und ein paar Tränen konnte ich nicht unterdrücken.

 

Eine Freundin, die selbst katholisch war, die weiß, dass ich katholisch bin.
Es ist ja ihre Sache, wie sie es mit der Kirche hält. Man kann die (katholische) Kirche kritisieren, für sich ablehnen – als Institution oder als Glaubensrichtung. Jeder mag frei entscheiden, seine Meinung äußern, diskutieren. Aber doch bitte mit Respekt, oder?
Es fühlt sich nicht schön an, als jemand abgestempelt zu werden, der zu dumm, zu unaufgeklärt, zu was-auch-immer ist, um aus der Kirche auszutreten.
Denn das ist ja offenbar das angestrebte Ziel, die einzig mögliche Lebensform.

Schade, dass auf diese Entfernung keine Diskussion möglich ist. Ich würde sie gerne führen, zumal ich denke, dass viele Meinungen aus dem Freundeskreis auf Vorurteilen beruhen.

Aber ich gebe zu, Angst vor so einer Diskussion hab ich schon auch…

Katholiken vs. Homosexuelle

Die Sendung „hart aber fair“ vom 3.12. mit dem Titel „Papa, Papa, Kind – Homo-Ehe ohne Grenzen“ hat ziemlich große Wellen geschlagen (und tut es teilweise noch) und auch in vielen katholischen Blogs wurde sie kommentiert. (Auf schwul-lesbischen sicher genauso.)

Die Fronten sind – und werden es wohl auch bleiben – verhärtet.

Was mich aber wirklich überrascht: Keiner scheint sich für katholische Lesben oder Schwule zu interessieren. Da bleibt sogar google (fast) sprachlos.

Hm.

Keine Gedanken zum Katechismus

Angeregt durch die Post-Trilogie von Ameleo zum Katechismus und der kleinen Diskussion in den Kommentaren dazu, wollte ich eigentlich auch einen eigenen Post mit meinen Gedanken zum Katechismus veröffentlichen. Gestern habe ich gesehen, dass mir Frischer Wind zuvorgekommen ist. Das alleine wäre noch kein Grund, aber als ich so weiterstöberte in älteren Posts war ich über den teilweise doch recht unsachlichen und rüden Ton in der Diskussion erstaunt, sodass ich (erstmal) nichts mehr dazu sage.

Um mich da voll mit einzumischen, fühle ich mich als (katholische) Bloggerin noch zu „jung“. (Das Wort Blogozese mag ich grad gar nicht benutzen, da ich sie nicht als eine solche konservative und papsttreue Einheit sehe wie auf Demut Jetzt! beschrieben.)

Ich kann voller Überzeugung sagen „Ich bin katholisch“, ich halte den Katechismus für wichtig, aber ich denke, wenn Jesus nochmal auf die Erde kommen würde, hätte er sicher manches auszusetzen an seiner Kirche. Leider haben wir keinen Propheten oder Apostel mehr, der uns sagt, wie wir es machen sollen. Oder haben wir zu viele?
Aber wir brauchen auch überhaupt keinen, denn Gott hat uns ja sein Wort geschenkt. Und darauf sollten wir (wieder) mehr hören, auf das, was uns als Zeugnis überliefert ist: die Bibel. Und die Nächstenliebe, die vor dem Gesetz steht.

Für mich heißt es erstmal: mehr bloggen, weniger lesen.

Auszeit

Ich bin gerade geflüchtet aus meinem Exil. Für eine Woche ins Elternhaus. Leider ist es nicht so entspannend wie erhofft. Alte Rollen, aus denen man nicht herausfindet und neue Rollen, die man noch nicht auszufüllen weiß. Aber so geht das wohl jedem, der als erwachsenes „Kind“ länger bei den Eltern zu Gast ist.

In meinem Zimmer habe ich die Noten von der „Jugendschola“ wiedergefunden, in der ich früher, in meiner Jugendzeit, gesungen habe. Diese Zeit fehlt mir sehr. Die wöchtenlichen Treffen mit (katholischen) Freunden, das Singen, das ganz selbstverständlich katholisch sein und darüber reden. Klar, es war auch die Zeit der Pubertät und wir waren keine Engel, aber das gehört (noch) nicht hierher.

Ich habe also ein paar der alten Lieder mehr schlecht als recht auf dem alten, verstimmten Klavier gespielt und das tat gut. Nun überlege ich, wie ich das Klavier mit ins Exil nehmen kann. Denn Gott singend zu loben, ihm zu danken – das fällt mir oft leichter als durch Gebet und Bibellesen.

Hier der Text eines Liedes, was mich heute (und damals auch schon) sehr berührt hat (Melodie auch sehr ruhig, getragen, tief):

Erquicke mich durch Deinen Geist und fülle mich,
denn ich bin schwach und brauche Deine Kraft.
Nimm mich in Deine Arme und schütze mich,
denn ich bin voller Angst und Furcht.

So will ich Deinen Segen empfangen,
mich heilen lassen durch dein Wort.

Ich traue auf Dich,
denn Du bist der Fels, auf den ich bau,
und alles, was ich bin, bin ich durch dich.

T + M: Ekkehard Höfig; (C) Immanuel Verlagsgesellschaft