Gott be-greifen

Der post spukt mir schon länger im Kopf herum, heute zum Fest des Hl. Apostel Thomas passt er nun zufällig auch ganz gut.

Thomas, der nicht glauben konnte ohne zu sehen, ohne zu berühren, der nicht glauben konnte, ohne es zu begreifen, zu be-greifen.

Wir müssen glauben ohne zu sehen und wir kennen wohl alle Momente des Zweifelns, in denen wir nur zu gern unsere Hand in Jesu Seite legen würden. Thomas steht sozusagen stellvertretend für uns alle, die wir uns manchmal schwer tun mit dem Glauben, er hat für uns bezeugt „Mein Herr und mein Gott!“

Dazu der Hymnus von der heutigen Vesper aus dem Te Deum:

Mein Herr und mein Gott,
auch wir Zweifler
wollen begreifen,
das Unfassliche berühren.

Den Finger in die Wunde legen –
das musste einer tun,
nie verstummten Zweifel hegen –
das durfte nicht unterbleiben.
Wo kämen wir sonst vor
in diesem Stück.

Lade uns ein,
die Zögernden vom Rand,
dann tasten wir uns zurück
bis an dein Herz,
dieses Tor –
sperrangelweit offen für alle,
die nicht sehen und doch glauben.

C.D.

Als ich heute den Text aus dem Johannesevangelium las, ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass wir gar nicht erfahren, ob Thomas tatsächlich die Wundmale Jesu berührt hat. Jesus fordert ihn dazu auf – und irgendwie find ich den Gedanken schön, dass das vielleicht schon genug „Beweis“ für Thomas war. Und auch hier sehen wir wieder – wie bei Petrus, der auf dem Wasser läuft (Post dazu hier) – dass Jesus ihm nicht vorwirft gezweifelt zu haben, wieder reicht Jesus seinem Jünger die Hand und ermutigt ihn zum Glauben!

Verstehen und begreifen sind im Deutschen Synonyme und dadurch kann man dieses schöne Wortspiel machen (Weiß jemand, ob das in anderen Sprachen auch funktioniert?): Um etwas zu verstehen muss man es begreifen, greifen, mit den Händen anfassen. Als Lehrer ist mir das nicht neu, erzählen kann man viel, wenn die Schüler nicht mitmachen, nicht selbst etwas tun, bleibt nur wenig hängen. Und wie sagte schon Konfuzius:

Sage es mir und ich werde es vergessen. Zeig es mir und ich werde mich daran erinnern. Lass es mich tun und ich werde es verstehen.

Unser Glaube erscheint mir manchmal sehr verkopft und wenig greif-bar. Er ist so theoretisch, so aufgeklärt, so logisch – zumindest sollte er am besten so sein. Wir wollen verstehen – aber nur mit dem Kopf, nicht begreifen mit den Händen.

In Italien ist Religion, ist Katholisch-Sein viel alltäglicher als ich es aus meiner ostdeutschen Heimat kenne. Gottesdienste, Prozessionen, alles viel selbstverständlicher (die Qualität und Tiefe kann und will ich nicht beurteilen) und irgendwie … symbolischer.

Wenn man hier in die Kirche geht, fällt einem z. B. eine Geste sofort auf: Zum Abschluss des Kreuzzeichens wird die Hand/Faust zum Mund geführt und geküsst. Ich musste lange nach einer Erklärung dafür suchen, denn viele machen es einfach aus Gewohnheit, ohne es zu hinterfragen und ich muss gestehen, nach zwei Jahren hier, verspüre auch ich den Impuls zum „Amen!“ meine Hand mit den Lippen zu berühren, es passt auch einfach so gut. Inzwischen habe ich eine Erklärung gefunden, die mir recht logisch erscheint, auch wenn ich sie nur ohne Gewähr weitergeben kann: Man hat die Hand leicht zur Faust geballt und legt dabei den Daumen über den Zeigefinger, so dass sie ein Kreuz bilden, das Kreuz, unter das ich mich mit dem Kreuzzeichen gerade gestellt habe und dass ich nur als Zeichen der Verehrung küsse.  Nachdem ich diese Deutung weiß, mache ich es nun manchmal ganz bewusst – vielleicht probiert ihr es ja auch mal aus. 😉

Doch das ist bei weitem nicht die einzige Geste, mit der die Leute hier versuchen ihren Glauben zu begreifen: kaum eine Jesus-, Marien-, Heiligenstatue bleibt bei einem Kirchenbesuch ungeküsst. Gemälde, Rahmen, Sarkophage werden berührt, die Hand danach geküsst. Das ist mir fremd, da verspüre ich keinen Drang es ihnen gleich zu tun. (Ich war auch die einzige in der vollen Kathedrale, die bei der Karfreitagsliturgie das Kreuz nur durch eine Kniebeuge und nicht durch einen Kuss oder wenigstens eine Berührung mit der Hand verehrte.)

Ich will nicht über Vor- und Nachteile sprechen, es gibt hier wohl kein richtig oder falsch. Jeder muss/kann es so machen, wie er es will und ich bin wohl eher ein distanzierter Typ, aber trotzdem kann ich davon etwas lernen. Übrigens ist das ja kein katholisches Phänomen, die orthodoxe Kirche ist ohne das Berühren kaum vorstellbar, auch Nicht-Gläubige berühren ja bestimmte Statuen um Glück zu haben oder den Schornsteinfeger (wenn man denn noch einen trifft) und auch in anderen Religionen ist berühren selbstverständlich.

Was man sich also bewusst machen kann, ist die Bedeutung der Berührung. Wir haben nicht nur unsere Augen um zu sehen, unseren Verstand, wir haben Hände, Füße, wir können riechen, schmecken, fühlen und auch damit Gott erfahren. Es muss ja kein Kuss auf den schon ganz speckigen Fuß einer Heiligenfigur sein! Wir können Gott finden, indem wir den Wellen zuhören, dem Rascheln der Blätter, indem wir den Wind fühlen auf unserer Haut, indem wir die Arme austrecken zu unserem Vater im Himmel.

Und wir können diese Berührung weitertragen, in unsere Familien, zu unseren Freunden. Eine Umarmung, ein Schulterklopfen, ein Streicheln – es kann so viel geben. Eine kurze Berührung nur – wie es die seit 12 Jahren blutflüssige Frau mit Jesus‘ Gewand tat (hä?)- und schon sind wir geheilt.

Deswegen mag ich auch die Handkommunion, ich mag den Moment, wo der Leib Christi in meiner Hand liegt, ich kann ihn betrachten, ihn anfassen, ihn berühren und begreifen.

Also, lassen wir uns von Gott berühren, lasst uns Gott begreifen.

Advertisements

Gottvertrauen und Kleinglaube in der Bibel – Teil 2

Ihr musstet lange darauf warten, hier nun der 2. Teil zum Posting von Geschichten über Gottvertrauen in der Bibel (hier geht’s zu Teil 1)

 

Die Jünger sind also bei Sturm in einem kleinen Fischerboot mitten auf dem See, als eine Gestalt wie aus dem Nichts auftaucht und auf sie zukommt und sie hören Jesus‘ Stimme, die ihnen zuruft: „Habt keine Angst!“

Petrus, der erste und älteste Jünger, vielleicht auch der erfahrenste Fischer, ist es, der allen Mut zusammennimmt und sich der Situation stellt und mit Jesus spricht: „Wenn du wirklich Jesus, unser Herr, bist, dann mach, dass ich auf dem Wasser mitten durch den Sturm zu dir kommen kann.“

Hier stellt sich mir die Frage, warum sagt Petrus das. Warum sagt er nicht: „Hey, schön, dass du da bist, komm ins Boot!“ oder „Mensch, Jesus, wie kommst du denn hierher?“ oder „Herr, mach doch, dass der Sturm sich legt, wie du es schon einmal getan hast.“ (Mt 8,23-27)
Ist es eine Art Test, um zu sehen, ob es wirklich Jesus ist und nicht doch ein Ungeheuer? Wahrscheinlich. Zumindest fällt mir keine andere Interpretation ein, euch vielleicht?

Drei Dinge können wir erkennen: zum einen glaubt Petrus nicht einfach alles und will auch diese schwierige Situation verstehen, um zu wissen, womit er es zu tun hat und zum anderen ist er inzwischen lange genug mit Jesus unterwegs, um zu wissen, Jesus kann alles, er kann Wunder vollbringen, auch wenn es immer wieder die Vorstellungskraft der Jünger übersteigt. Und das dritte: Er weiß, dass er aus sich selbst heraus nichts vermag. Er ist nicht so vermessen einfach aus dem Boot zu steigen. Nein, nur durch Gott kann er das vollbringen.

Und was macht Jesus? Der sagt einfach: „Komm!“ Ohne Anleitung, ohne nochmalige Bestätigung, dass er es ist, ohne große Worte, einfach nur: „Komm!“

Solche Situationen kennen wir auch alle. Es gibt Stürme in unserem Leben, große und kleine, Situationen, wo wir kein Land mehr sehen, Momente, in denen wir neu anfangen müssen, neue Schritte wagen, uns auf unbekanntes Terrain begeben müssen. So wie Petrus, der als Fischer das Wasser zwar gut kennt, aber eben nur vom sicheren Boot aus. Nun soll er ohne Boot, ohne Rettungsweste (wenn es so etwas damals schon gegeben hätte) auf dem Wasser gehen. Vielleicht hat er in dem Moment gedacht: Oh Mist, hätt ich doch nichts gesagt, nun muss ich da durch…

Er nimmt also allen Mut zusammen und steigt voll Vertrauen auf Jesus aus dem Boot und siehe da: er geht nicht unter, das Wasser trägt ihn. Ein Schritt, noch ein Schritt – ein Wunder! Wie unglaublich muss sich das angefühlt haben, welch Euphorie muss Petrus ergriffen haben. Ja, das ist Jesus, unser Herr, Gottes Sohn!

Doch dann wird er sich wieder der Situation bewusst, auf einmal nimmt er wieder den Sturm war, die Wellen, ihm wird klar, da ist nichts unter mir, man KANN nicht auf dem Wasser laufen (und vielleicht konnte er noch nicht einmal schwimmen). Angst! Kein Vertrauen mehr. Sein Blick geht weg von Jesus, er sieht nur noch sich und seine Unfähigkeit gegen diese Situation anzukommen. Und er beginnt unterzugehen.

Die anderen im Boot können ihm nicht helfen, er selbst sich auch nicht, bleibt nur eins, nur einer: Jesus. Ob nun doch das Gottvertrauen aus Petrus spricht oder seine schiere Todesangst, als er fleht: „Herr, rette mich!“ werden wir nicht erfahren. Es ist auch nicht weiter von Bedeutung, denn ich will den Blick jetzt auf Jesus lenken.

Sofort streckt er die Hand aus. SOFORT. Er läßt Petrus nicht noch ein bißchen zappeln als Strafe für seinen Kleinglauben, als Denkzettel – nein, SOFORT hilft er. Sofort ist er zur Stelle, wenn ihn jemand um Hilfe bittet. Sofort hält er uns seine Hand hin. Wohlgemerkt, er hält uns seine Hand hin, er zieht uns nicht aus dem Wasser, wir müssen seine Hand schon selbst ergreifen!
Er will nicht, dass wir Angst haben, er will nicht, dass uns etwas passiert, er ist jederzeit da, um uns zu helfen.

(c) Boschfoto mit creativ commons auf wikipedia.de

(c) Boschfoto mit creativ commons auf wikipedia.de

Seine folgenden Worte habe ich lange Zeit als Vorwurf verstanden, mit harter, strenger Stimme vorgetragen: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“
Inwzischen höre ich sie viel leiser, fast so als würde Jesus mehr mit sich selbst sprechen. Er ist traurig. Traurig, dass Petrus nicht weiter geglaubt, nicht weiter vertraut hat. Traurig, dass wir immer wieder an ihm zweifeln.

Doch selbst nach dieser Enttäuschung wendet sich Jesus nicht ab und sagt: „Tja, Pech gehabt, ihr vertraut nicht genug, nun seht zu, wie ihr an Land kommt.“ Nein, er bleibt bei seinen Jüngern und der Sturm legt sich.
Auch wenn wir eine Prüfung unseres Glaubens, einen Vertrauensprobe nicht bestehen, verlässt uns Gott nicht! Er läßt uns zur Ruhe kommen, gibt uns Zeit zum Nachdenken, Zeit ihm zu danken. „Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn!“

Depression, die

Lang ist’s her. Lange war Ruhe auf dem Blog. Ich hab mich nicht getraut zu schreiben. Erst ein Artikel von Huppicke und das Evangelium von heute, haben mir gezeigt: Warum nicht auch darüber schreiben? Vor allem darüber! Gerade jetzt schreiben. Weitermachen, weiterschreiben.

Mich hat meine Depression und Angst wieder voll erwischt. Nicht so schlimm wie es schon einmal war, aber doch so schlimm, dass das Leben schwerfiel. Dass alle Kraft für die notwendigen Dinge drauf ging und nichts fürs Bloggen ürbig blieb. Obwohl das Bloggen mir gut tut, vielleicht sogar helfen würde.

Doch auch nach Jahren (zum Glück – oder eher Gott sei Dank! – mit ausreichend großen Ruhepausen) mit dieser Krankheit fällt es mir schwer, dies als „Krankheit“ anzunehmen. Auch wenn es mir in guten Momenten vom Kopf her total klar ist, kann ich mich oft nicht gegen den Gedanken wehren, dass ein depressiver, angstgestörter Christ kein guter Christ ist, weil es ihm an Gottvertauen fehlt. Wie kann man denn an Jesus, die Auferstehung glauben und so viel Angst vor dem Leben, dem Tod haben? Wie kann man guter Christ sein, wo man sich doch die ganze Zeit nur um sich selber dreht? Man soll doch anderen helfen, anderen von der Liebe und Allmacht Gottes erzählen – wie soll das gehen, wenn man sogar Angst vor einer Busfahrt hat? Man soll doch Gott loben, ihm danken für all seine Wunder, die Schöpfung – wie, wenn doch manchmal alles so schwer und grau scheint? Wie undankbar bin ich, wo es mir doch im Vergleich zu so vielen anderen so gut geht?

Durch oben schon erwähnten Artikel von Huppicke hab ich gemerkt, dass durchaus auch eine fromme, gottesfürchtige, „Sprüche 31 Frau“, um bei Huppickes Wortwahl zu bleiben, depressiv werden kann und das Sonntagsevangelium von heute hat mir gezeigt, dass selbst der Tod keine Grenze für Jesus ist, aber aufstehen muss man selber!

Ich hab wohl zu lange dagegen angekämpft, Gott immer wieder gebeten, diese Ansgt doch von mir zu nehmen. Vielleicht ist es an der Zeit die Angst und Depression als mein Kreuz anzunehmen. „Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach!“ Ich hätte gern ein anderes Kreuz (so viele andere scheinen leichter zu tragen) oder am besten gar keins! Aber dieser Wunsch gilt nicht, darum geht es Gott nicht, das ist nicht Gottes Wille sondern meiner. Ich bete „dein Wille geschehe“ und meine doch so oft „mein Wille“…

Gott hat seinem Sohn den Tod am Kreuz nicht erspart – da werd ich doch wohl mit ein paar Panikattacken fertig werden!

Mir fällt ein Spruch von Franz von Sales ein:

 Gottes ewige Weisheit hat von Ewigkeit her das Kreuz ersehen, das Er dir als ein kostbares Geschenk aus Seinem Herzen gibt.
Er hat dieses Kreuz, bevor Er es dir schickte, mit Seinen allwissenden Augen betrachtet, es durchdacht mit Seinem göttlichen Verstand, es geprüft mit Seiner weisen Gerechtigkeit, mit liebenden Armen es durchwärmt, es gewogen mit Seinen beiden Händen, ob es nicht einen Millimeter zu groß und ein Milligramm zu schwer sei.
Und Er hat es gesegnet in Seinem allerheiligsten Namen, mit Seiner Gnade es durchsalbt und mit Seinem Trost es durchduftet.
Und dann noch einmal auf Dich und Deinen Mut geblickt und so kommt es schließlich aus dem Himmel zu dir
als ein Gruß Gottes an dich, als ein Almosen der allbarmherzigen Liebe.

Jetzt grad erscheint es mir so leicht daran zu glauben, jetzt gerade gibt es mir Kraft und Antrieb. Jetzt will ich vertrauen und glauben und aufstehen und durchhalten. Doch ich weiß, dass diese Euphorie nur zu bald wieder vorbei sein kann… Was bedeutet es im Fall einer Depression, sein Kreuz auf sich zu nehmen? Sein Kreuz anzunehmen?

Gottvertrauen und Kleinglaube in der Bibel

Will man in der Bibel nach Geschichten zum Gottvertrauen suchen, kann man sie ja eigentlich an beliebger Stelle aufschlagen und wird etwas passendes finden.
Die ganze Bibel ist voll von Geschichten über (Gott-)Vertrauen und … ja, eben nicht Vertrauen. Z.B. Noah, der jahre-, jahrzentelang an einem Schiff baute – allein aus Vertrauen zu seinem Herrn, ohne wirklich zu verstehen, was passieren wird. Oder die Geschichte der Israeliten, die der Herr aus Ägypten nach Kanaan führt: ein ständiger Wechsel von Gottvertrauen und Misstrauen, von Gotteslob und Abkehr. Und so weiter und so fort.

Ich will heute ein paar Gedanken über eine Textstelle im Neuen Testament, die sehr offensichtlich mit Vertrauen zu tun hat, aufschreiben.

Jesus geht über das Wasser (und Petrus geht (fast) über das Wasser)

Hier erst einmal die Bibelstelle aus der Einheitsübersetzung (Matthäus 14,22-33)

Gleich darauf forderte er die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch allein auf dem Berg. Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See. Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst. Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme. Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu. Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.

Versetzen wir uns erst einmal in die Situation.

Es ist Nacht. Dunkel. Die Jünger sind auf einem kleinen Fischerboot. Mitten auf dem See. Um sie herum nur tiefschwarzes Wasser. Die Wellen sind vielleicht mannshoch, das kleine Schiff schaukelt hin und her. Ab und zu kann man noch einen Blick auf das ferne Ufer werfen. Nur ein paar Sterne sind am Himmel zu sehen, wenn die Wolkenfetzen eine Lücke lassen. Die Hände der Jünger werden klamm. Die Füße finden auf den nassen Planken kaum noch Halt. Gut, viele von ihnen sind Fischer und erleben solch einen Sturm sicher nicht zum ersten Mal, aber sie wissen auch um die Gefahren.
Wer schon mal bei Sturm am Meer war und vielleicht auch mit einem Boot/Schiff, einer Fähre gefahren ist (nachts, bei Sturm und Wellengang) kann sich sicher vorstellen, dass das alles andere als gemütlich ist. Zumal wenn man den ganzen Tag mit Jesus unterwegs war, jetzt sicher müde und geschafft ist und zudem das Wunder der Brotvermehrung noch „verdauen“ muss (Wortspiel!).

Sturm auf dem Meer

(c) Eijiha Jimia mit creativ commons von flickr.com

Und nun kommt mitten durch die Wellen – ja, was? Durch das Schaukeln des Bootes können die Jünger immer nur einen kurzen Blick auf die Gestalt werfen. Sie trauen ihren Augen nicht. Ein Mensch kann es nicht sein. Ein Seeungeheuer? Ein Geist?! Sturm – ok, der legt sich wieder, mit Geduld, Kraft und Umsicht schaffen sie es ans andere Ufer. Aber gegen einen Geist haben sie keine Chance. Sie rufen und schreien, weinen – alle durcheinander.

Und da plötzlich, ganz klar und deutlich – trotz des tosenden Sturms – eine vertraute Stimme: Habt keine Angst. Ich bin’s, Jesus!

So, nun bin ich ja ins Erzählen gekommen. (Vielleicht schon die Vorfreude auf die Bibelerzähler-Ausbildung, die ich nächstes Jahr machen will.)
Meine Gedanken zur Bibelstelle im nächsten in einem späteren Post.

Eine Geschichte

In einem Haus bricht ein Feuer aus. Die Familie rettet sich nach draußen. Vater, Mutter, Tochter. Doch wo ist der Sohn? Er ist nach oben gelaufen und steht am Fenster im 2. Stock. Der Vater will ihn holen, doch der Rauch und das Feuer versperren ihm den Weg. „Vater, rette mich!“ schreit der Sohn. Der Vater ruft ihm zu: „Spring! Meine Arme sind offen, ich fange dich.“ „Aber ich kann dich nicht sehen…“ Da antwortet der Vater: „Aber ich sehe dich. Das genügt.“ Der Sohn springt ihn die Arme des Vaters. Dieser bricht sich einen Arm, aber der Sohn ist gerettet und lebt.

Jesus sagt auch: „Spring!“ Seine Hände sind durchbohrt, aber ich lebe!
Ich selbst kann mich nicht retten, aber Gott kann es, der mich liebt.
Gottes Kraft für das Leben heißt glauben, Gott ist die Liebe.

„Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“ – zum Sonntagsevangelium, Gottvertrauen und Kleinglauben

Im heutigen Sonntagsevangelium (siehe unten) ging es um die Geschichte, wie Jesus in  Jericho einen Blinden heilt. Diese Geschichte findet sich in allen drei synoptischen Evangelien. Bei Matthäus sind es sogar zwei Blinde, dafür fehlt bei ihm der entscheidende Satz, um den es mir heute gehen soll: Dein Glaube hat dir geholfen.

Die Evangelien stecken voller Heilungsgeschichten. Heilung von Dämonen, von Blindheit, Taubheit, Stummheit, Lähmung. Die Heilung des Blinden wird oft so gedeutet, dass der Mann nicht blind im medizinischen Sinn war, sondern eher „wie mit Blindheit geschlagen“, blind sein und sehen also im übertragenen Sinn auf den Glauben gedeutet wird.

Vielleicht war es so, vielleicht war er aber auch tatsächlich blind. Eine Heilung, ein Wunder in jedem Fall und ich glaube daran!

Was mich an diesen Heilungswundern so fasziniert, ist die „Begründung“ Jesus: Geh! Lauf! Sieh! Höre! Sprich! Dein Glaube hat dir geholfen. Ja, sogar Tote können wieder zum Leben erweckt werden!

Jesus heilt, wenn der Bittende einen starken Glauben hat, an ihn als den Messias, daran, dass er heilen kann, wenn er ein so großes Gottvertrauen hat. So auch bei zwei meiner Lieblingsgeschichten: beim Hauptmann von Kafarnaum

Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund.

und bei der Bitte der Heidin, ihre Tochter zu heilen (auch wenn diese Textstelle in mir zugleich noch viele Fragen aufwirft).

Wie kann mein einen so starken Glauben, ein so großes Gottvertrauen haben? Wie wunderbar muss es sein, sich in dieser Art von Gott getragen zu wissen. „Glauben kann Berge versetzen“ sagt der Volksmund und sagt Jesus. Wer glaubt, vermag alles. Wer Gott vertraut, dem wird geholfen.

Das Gegenteil von diesem Gottvertrauen nennt sich Kleinglaube. Glaube ja, Glaube an Gott, an Jesus, der vielleicht auch Wunder getan hat, der für uns gestorben ist, Glaube an die Kirche (aber da schon mit Abzügen) – aber Glaube an die Macht Gottes? Daran, dass er immer da ist, immer für uns sorgt?

Da scheinen die kleinen Kinder den viel größeren Glauben zu haben. Kinder hinterfragen ihren Glauben nicht. Es gibt Gott, natürlich! Es gibt Engel, klar! Und Gebete können helfen! So viel Vertrauen. Gottvertrauen. Vielleicht meint Jesus genau das, wenn er sagt, wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen. (vgl. Mt 18,3 und 19,14)

Es ist ganz logisch und zwangsläufig, dass man seinen Kinderglauben ablegt und zu einem „aufgeklärteren“ Glauben kommt. Aber wieso ist der Preis dafür viel zu oft auch das bedingungslose Vertrauen in Gott?!

Beim Kleinglauben geht es nicht um die Quantität, denn schon ein Senfkorn an Glauben würde reichen, um Maulbeerbäume und auch den besagten Berg zu versetzen (vgl. Lk 17,6 und Mt 21,21), vielmehr geht es um die Tiefe. Und um das Vergessen, wie viel Großes der Herr schon getan hat, wie viele (vielleicht etwas kleinere) Wunder wir selbst schon erfahren haben, wie oft uns der Glaube schon geholfen hat, wie oft ein Gebet erhört wurde. Auch ich habe diese Erfahrungen gemacht und doch bin ich so oft kleingläubig, fehlt mir das Vertrauen, dass Gott schon für mich sorgen wird, wie er ja für alle seine Geschöpfe sorgt (vgl. Mt 6,26). Kleinglaube, obwohl ich doch so oft die Größe und Allmacht Gottes im Gebet bezeuge. Doch dass er auch mir ganz konkret zu helfen vermag… Viel zu oft und schnell stellen sich Zweifel ein und ich drohe zu versinken, ich Kleingläubige. Wie gut, dass mir Gott auch in diesen Momenten immer wieder die Hand reicht (vgl. Mt 14,31).

In der Predigt heute fordete der Pfarrer die Gemeinde auf, gemeinsam und laut den Satz des Blinden aus dem Evangelium zu wiederholen: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“, also hier hieß das: „Figlio di Davide, abbi pietà di me!“. Den genauen Ausführungen konnte ich wegend unzureichender Sprachkenntnisse nicht folgen, sodass es mir etwas befremdlich vorkam (was aber nicht nur mir so ging).
Doch vielleicht ist das gar keine schlechte Übung auf dem Weg zu mehr Gottvertrauen. Gar kein schlechtes Abendgebet.

In jener Zeit als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir.“ Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ Jesus blieb stehen und sagte: „Ruft ihn her!“ Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: „Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.“ Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: „Was soll ich dir tun?“ Der Blinde antwortete: „Rabbuni, ich möchte wieder sehen können.“ Da sagte Jesus zu ihm: „Geh! Dein Glaube hat dir geholfen.“ Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.