Beten!

Was soll man sonst tun angesichts der Nachrichten aus aller Welt, gefangen in der eigenen Ohnmacht.

Friedensrosenkranz (gemopst von der Ankerperlenfrau)

Jesus, bei dessen Geburt Engel den Frieden verkündeten

Jesus, der unsere Schritte auf den Weg des Friedens lenkt

Jesus, der selig gepriesen hat, die Frieden stiften

Jesus, der seine Jünger gesandt hat, den Frieden zu bringen

Jesus, der uns seinen Frieden hinterlassen hat

(c) donsutherland1 mit creative commons bei flickr.com

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Betrachtungen im Gottesdienst (1) – Vom Sinn und Unsinn des Friedensgrußes

Gestern war ich noch einmal zur Abendmesse in unserer Kathedrale, bevor es für mich morgen wieder zurück geht. Ich mag die Abendmessen in der Woche dort sehr. In einer kleinen Seitenkapelle ist man ganz nah dran am Geschehen, es ist sehr intim und durch die Innenstadtlage doch auch offen und anonym – für mich eine ideale Mischung, um den Gottesdienst intensiv zu erleben.

Gestern war die Stimmung besonders schön, denn draußen dämmerte es schon und in der Kapelle brannten die Lichter – Herbstfeeling pur. Ich freute mich auf die Messe, war gespannt, was Gott mir noch auf den Weg mitgeben würde, wollte noch einmal in meiner Muttersprache ganz bewusst die Messe erleben (und das auch noch bei einem meiner Lieblingspfarrer, dessen Predigt immer eine angenehme Herausforderung für mich darstellt). Aber ganz so leicht, machte es mir Gott dann doch nicht.

Teil 1

Neben mir nahm eine junge, hübsche Frau Platz. D.h. sie nahm nicht Platz, sie verbeugte sich tief Richtung Altar, kniete sich gleich hin und versank im Gebet. Während der Messe hielt sie die meiste Zeit die Augen geschlossen. Sie saß ganz aufrecht und all ihre Antworten klangen so „salbungsvoll“. Kurz gesagt, sie war mir sehr unsympathisch. Ihr Verhalten wirkte aufgesetzt und überzogen für mich. Sie sprang regelrecht auf bei den Worten: „Lasset uns beten.“ Sie bewegte nicht einmal den Kopf, um den Pfarrer anzusehen, sondern nahm scheinbar alles ganz tief mit dem Herzen und geschlossenen Augen auf.

Und ich schämte mich.

Wer bin ich denn, dass ich über diese Frau urteile? Vielleicht stellt sie ihr Glaubensleben pharisäergleich zur Schau. Na und? Vielleicht ist es aber auch echt und dies ihr Weg Gott in der Heiligen Messe zu begegnen. Sich so auf ihn und sein Wort zu konzentrieren. Vielleicht hat sie auch  grad eine schwere Zeit oder ist unendlich dankbar für etwas. Was weiß denn ich? Und wieso wirkt sie durch einen tiefen, nach außen hin sichtbaren Glauben auf mich unsympathisch? So sehr, dass ich mich teilweise gar nicht mehr auf die Messe konzentrieren konnte. Wie kann ich mir anmaßen über jemanden zu urteilen, der mit mir und den anderen zusammen gekommen ist, um Eucharistie zu feiern?!

Ich war erschrocken über mich. Obwohl ich weiß, dass ich allergisch auf solche „Überchristen“ (oder „Neugetaufte“) reagiere. Ist es Neid, weil sie ihr Glaubensleben offenbar nicht so in Frage stellen wie ich? Weil sie sich nicht darum scheren, was die anderen denken, während ich mich oft nicht traue durch meine Gebetshaltung aufzufallen? Ich habe Angst abgestempelt zu werden, wenn ich zu gläubig und katholisch rüberkomme. Vielleicht liegt es an meinem überwiegend nicht-katholischen Freundeskreis. Es ist mir unangenehm, wenn andere merken, dass ich glaube und bete, ich komme mir dann klein und dumm vor. Aber wieso dieses Gefühl auch in der Messe? Dort, wo doch alle das gleiche glauben (also zumindest in Grundzügen…), wo klar ist, dass Gott hier ist und angebetet werden will. Wo, wenn nicht hier, sollte ich die Augen schließen und mich tief verneigen und auf Knien verharren im Gebet?! (Ich meine, natürlich bete ich in der Kirche, ich knie nieder, auch nach der Messe, auch dort, wo es nicht üblich ist, nach dem Agnus Dei noch einmal zu knien – aber nach meinem Gefühl trotzdem unauffälliger. Oder denken die anderen dann das gleiche über mich? Eine, die zur Schau stellen muss, dass ihr Glaube besser ist?)

Ich kam nicht umhin mich mit ihr zu vergleichen. Wer ist der besser Christ? Wessen Glauben ist echter, erwachsener? Wie bescheuert! Niemand kann den Glauben eines anderen beurteilen. Jeder muss seinen Weg des Glaubens und Betens und Gottesdienstes finden und wenn er diesen geht, dann ist er ein guter Christ, genauso wie er ist. Der eine mit tiefen Verbeugungen, der nächste mit Mundkommunion, der dritte mit geschlossenen Augen, der vierte im stillen Gebet zu Hause, der eine aus tiefen Herzen, der andere nur nach außen hin.

Ich darf das nicht nur sagen, sondern ich muss toleranter werden gegenüber allen, „deren Glauben du allein kennst.“ Und ich muss selbstbewusster werden auf meinem Weg des Glaubens, Betens und Gottesdienstes.

Ich überlegte gestern während der Messe, ob ich mit solch kindischen, bösen Gedanken und Gefühlen zur Kommunion gehen sollte. Doch dann kam er, der Friedensgruß. Der Teil der Messe, den ich als Kind so schrecklich fand (Schon zu Beginn der Messe der bange Blick nach links und rechts, wer denn da sitzt und wem man die Hand geben muss. In meiner Gemeinde hielten wir uns früher an den Händen und bildeten so eine Menschenkette über die Bankreihen hinweg und durch die ganze Kirche. Oft erzählte der Pfarrer dann an dieser Stelle, dass, wenn alle auf der Welt sich so an den Händen halten würden, niemand dem anderen etwas Böses tun kann, worauf ich einmal während meiner Jugendzeit prompt von meinen beiden Nachbarn einen Tritt vors Schienbein bekam… ) Inzwischen weiß ich den Friedensgruß sehr zu schätzen (trotz ab und an auftretender Unsicherheiten, wie vielen man denn so die Hand zu geben hat…).

Eine Chance zur Versöhnung, zum Frieden stiften, zum Sagen „Ich hab dich lieb.“ Vor allem, wenn um mich herum jemand sitzt, über den ich mir – ohne ihn zu kennen – ein negatives Urteil gebildet habe, gibt mir der Friedensgruß die Möglichkeit im Stillen „Entschuldigung“ zu sagen, demjenigen in die Augen zu schauen und zu lächeln, ihm Frieden zu wünschen. Ich merke immer öfter, dass der Friendesgruß mein Herz wieder rein und ruhig macht, das Wünschen des Friedens mir selbst Frieden gibt.

Mein Friedensgruß kam von Herzen. Die Frau sah mich an aus offenen Augen und lächelte mir zu. Es war gut. Ich fand sie nicht mehr doof oder eingebildet. Ich konnte „in Frieden“ zur Kommunion gehen. Und ich danke ihr für diese Lektion.