Von Armut und Luxus-Sorgen

Die Bergpredigt ist ja eine sehr zentrale Stelle im Neuen Testament und auch Kirchenferne kennen meist irgendwie diese Worte „Selig sind die Armen“ usw. Dass die Seligpreisungen nur ein Teil der Bergpredigt sind ist vielen und war mir auch nicht so recht klar und ich muss gestehen, dass ich mich mit ihnen immer etwas schwer getan habe – einerseits so ausgelutscht (vgl. die Geschichte vom verlorenen Sohn), andererseits nicht so einfach zu verstehen… Im Reli-Unterricht waren sie auch Thema, aber unser Pfarrer fand sie offenbar so wichtig und grundlegend, dass er sie nahezu unkommentiert stehen ließ, dabei sind sie keineswegs selbsterklärend!

Inzwischen haben wir uns etwas angenähert und sie gefallen mir immer mehr 🙂

Wirklich berührt hat mich neulich bei der Bibellese aber eine andere Stelle der Bergpredigt: Matthäus 6,25-34. (In der Neuen Genfer Übersetzung – meine derzeitige Lesebibel)

Wer von euch kann dadruch, dass er sich Sorgen macht, sein Leben auch nur um eine einzige Stunde verlängern?

Dieser Satz könnte auch in einem Lebenshilferatgeber stehen, oder? (Ich sag nur: „Sorge dich nicht – lebe“) Sorgen machen bringt gar nix, nur graue Haare und Depression. Und doch können wir Menschen offenbar nicht anders. Gott weiß es, Jesus weiß es und er sichert uns zu: Für euch ist gesorgt! Ihr werdet Essen und Trinken und Kleidung haben. Alles was ihr braucht, euer Vater weiß es doch. Und er kümmert sich sogar um die Vögel und die Blumen und ihr Menschenkinder seid doch noch viel mehr Wert als sie! Warum macht ihr euch also Sorgen?!

Ja, warum? Es scheint fast als läge es in unserer Natur. Hier stehe ich und kann nicht anders. Wir Menschen wollen immer mehr, sind offenbar nie zufrieden. Wir wollen eine eigene Wohnung und wenn wir die haben eine größere und dann ein Haus und einen Garten. Und ein Auto. Ein neues, ein größeres, ein zweites, einen Sportwagen für die Sonntagstouren. Einen Fernseher, einen mit Flachbildschirm, eine dolby-irgendwas-Anlage fürs Kinogefühl. Und je mehr wir wollen, umso mehr „Angst“ haben wir, es nicht zu bekommen oder wieder zu verlieren. Da sind sie unsere Sorgen.

Zum Glück muss sich in Deutschland kaum jemand wirklich Sorgen um Essen, Trinken, Kleidung machen. Aber wir sind nicht dankbar dafür, unsere Ansprüche verschieben sich einfach nur und die Sorgen beziehen sich auf andere Dinge. Es reicht nicht einfach Kleidung zu haben, es muss die Markenjeans sein und die wird jeden Tag gewechselt. Es reicht nicht satt zu werden, Essen muss immer Genuss sein und abwechslungsreich und wenn es nicht schmeckt, dann ab in den Müll.

Es gibt einfach zu viel von allem. Gerade jetzt in der Adventszeit fällt es mir besonders auf. So viele Geschäfte, so viele Weihnachtsmarktbuden – und doch irgendwie immer das gleiche. Der Wahnsinn der Weihnachtsgeschenke – neuer, größer, teurer. Was soll man Kindern schenken, deren Kinderzimmer voll ist mit Spielsachen? Die auch zwischendurch einfach mal so ein Spiel oder ein Buch oder ein Kuscheltier bekommen? Was ist ein Geschenk wert, wenn es doch sowieso nach 4 Wochen wie all die anderen im Schrank liegt? Und vor allem: Wieso kann man sich nicht dagegen wehren Teil dieser Konsum- und Wegwerfgesellschaft sein?

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland bin ich mittlerweile wieder in eine eigene Wohnung gezogen und habe die Kisten, die zwei Jahre eingelagert waren, ausgepackt. Wer braucht all diese Tassen? Die alten Kuscheltiere? Die Unmengen CDs? Kaum etwas davon habe ich in den zwei Jahren vermisst. Was davon brauche ich wirklich? Ja, auch die Frage, brauche ich wirlich 5 Bibelübersetzungen?

Ich sehne mich nach Einfachheit und doch mache ich weiter mit und kaufe und konsumiere und werfe weg. In Zeiten von solchen Überlegungen verstehe ich, wenn Ordensleute sagen, dass Verzicht frei macht. Dass Armut frei macht (Nein, ich rede hier nicht von Existenzängsten, ich rede vom Beschränken auf das, was wirklich notwendig ist). Wie kann man den evangelischen Rat der Armut im (weltlichen) Alltag beherzigen?

Der Artikel hat beim Schreiben eine ganz andere Wendung genommen als geplant. Ich wollte doch über den Satz aus der Bergpredigt, dass wir uns keine Sorgen machen sollen, schreiben! Das versuch ich später noch mal. Jetzt träum ich erstmal vom Leben in einer kleinen Hütte mit Selbstversorgergarten.
Und dann –
geh ich Weihnachtsgeschenke kaufen…

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Hilfe in den Bergen

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe? (Psalm 121)

Noch nie habe ich diese Zeilen so innig gebetet wie gestern.
Ich war auf Wandertour. Extra schon um 6 aufgebrochen, um die Tour bis zur größten Mittagshitze beendet zu haben. Ich war gut vorbereitet – so dachte ich – mit Proviant, Wasser, Karten, Wegbeschreibung und freute mich auf einen Vormittag ganz in Gottes schöner Natur, nur mit mir, meinen Gedanken, meinem Hund.

Nach einem wunderschönen Start bei aufgehender Sonne und fröhlichem Vogelgezwitscher ging es mit flotten Schritten, einem Lächeln auf dem Mund und das Herz voller Dank an den Schöpfer „im Frühtau zu Berge“. Doch schon bald stellte sich heraus, dass die Beschreibungen im Wanderführer nicht so präzise sind, wie gedacht, dass meine Karten ebenfalls zu ungenau, mein Orientierungssinn zu verstädtert und der Wasserbedarf des Hundes viel zu groß und der Wasservorrat entsprechend zu klein ist. Zu viel Zeit verlor ich beim Anstrengenden Auf und Ab auf der Suche nach dem richtigen Weg.

An dieser Stelle muss ein kleiner Exkurs über das Wandern auf Sardinien erfolgen: Es hat wenig mit Wandern in z.B. Deutschland zu tun. Hier gibt es fast noch keine Wanderkultur und dementsprechend keine Wanderinfrastruktur. Es gibt quasi keine Wegweiser, nur wenige Markierungen, die nicht gepflegt werden und daher teilweise verblasst oder lückenhaft sind, es existieren keine guten Wanderkarten, nur alte unübersichtliche Militärkarten und auch mit den immer mehr werdenden Wanderführer – so sehr sie um eine genaue Beschreibung bemüht sind – bleibt Wandern hier immer ein Abenteuer. Der beschriebene Wanderweg ist einer von unzähligen Hirten- und Tiertrampelpfaden und von diesen kaum zu unterscheiden. Es mag viele faszinieren, sich so archaisch in der Natur zu bewegen. Meine Art des Wanderns ist es nicht. Ich liebe die Natur, die Einsamkeit in der Natur, aber ich will meinen Kopf beim Wandern frei bekommen, die Gedanken kommen und gehen lassen – und das geht nicht, wenn ich die ganze Zeit dermaßen konzentriert auf den Weg achten muss.

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Such den Hund… äh, such den Weg.

So beschloss ich die Tour abzubrechen, auf gleichem Weg zuzrückzugehen. Doch auch diesen Weg fand ich nicht mehr. Der berüchtigte „point of no return“ war erreicht. Es half nichts, ich musste weiter.

Ich will jetzt nicht mit Details langweilen, denn es ist ja kein Wander-Blog, sondern einer, in dem es um Gott gehen soll. Kurz gesagt, ich hatte mich vollkommen verlaufen. Ich war irgendwo. Irgendwo Mitten im Nichts, irgendwo auf der Karte und ich hatte Angst. Richtig Angst. Ich war nicht gut genug vorbereitet und ich war meinem Hund ein schlechter Rudelführer. Das Wasser war fast alle, die Sonne brannte, der Hund hechelte sich die Zunge aus dem Leib, ich fürchtete einen Sonnenstich und kein Plan, kein Mensch, keine Ahnung. Mein Angstkreislauf setzte sich in Gang und steigerte sich bis zur Panikattacke. Ich konnte nicht mehr in Ruhe überlegen, mir einen Überblick verschaffen. Ich lief kopflos in verschiedenen Richtungen, kratzte mir die Beine am Gestrüpp auf, brach zusammen.

Da half nur noch beten.

Welch Ironie (oder…?), dass ich mir am Abend zuvor den Psalm 121 aufgeschrieben hatte, um während des Wanderns vielleicht ein wenig über ihn nachzudenken. Ich habe so von Herzen gebetete, wie lange nicht mehr. Geschrieen. Gefleht. (Ein kleiner Einschub: Ich befand mich zu keiner Zeit in Lebensgefahr, die Zivilisation war nicht unendlich weit entfernt – aber das zählt in dem Moment einer Panikattacke nicht…)
Schließlich bin ich mit Gottes Hilfe und dank der modernen Technik, mit der ich meiner Freundin meinen Standort durchgeben konnte und die mich dann auf einen Weg gelotst hat, gut beim Auto angekommen. Auch der Hund hat es – bis auf einen ordentlichen Muskel“kater“ – gut überstanden.

Herr, ich danke dir von ganzem Herzen! Es war eine Lektion in Demut und im Vertrauen an dich. Du verlässt mich nicht, du führst mich auf den rechten Weg! Dank sei dir, dass alles gut ausgegangen ist und auch dass ich den mir anvertrauten Hund gut wieder nach Hause bringen konnte!

Ihr könnt euch vorstellen, dass ich im Moment ganz besonders für all die Wanderer und Pilger bete. Dabei kam mir den Text eines Abendliedes, das meine Eltern früher oft vor dem Einschlafen mit mir gesungen haben, in den Sinn: „Müde bin ich, geh zur Ruh“ Als ich nach dem Text suchte, merkte ich, dass ich meiner Familie offenbar ein ganz eigener Schlusssatz existiert: Statt „Laß den Mond am Himmel stehn und die stille Welt besehn!“ heißt es bei uns „Laß den Mond am Himmel stehn und kein‘ Wandrer irregehn.“

Mond hinter Wolken am Abend

(c) Michael Mr172 mit creative commons von flickr.com

Vielleicht hab ich es nicht oft genug gesungen… Es soll heute Abend mein Nachtgebet sein.

Übrigens, als ich gestern die Vesper betete, konnte ich wieder einmal feststellen, dass Gott durchaus Humor hat. Denn wie lautetet die Antiphon zum ersten Psalm?

„Wie Berge Jerusalem rings umgeben, so ist der Herr um sein Volk, von nun an auf ewig.“

Amen und gute Nacht.

Betrachtungen im Gottesdienst (2) – Gott stört

Ich hatte mich ja auf einen ruhigen, „kuschligen“ Gottesdienst gefreut, bevor ich bis Weihnachten wieder ins Ausland muss. Schön gemütlich und vertraut – doch Gott ließ mir meine Ruhe nicht, er störte meine Bequemlichkeit und fordete mich nicht nur durch die Frau neben mir heraus.

Teil 2

Ich saß kaum in der Bank, genoß die Stimmung, das Licht, die Geräusche, lächelte vor mich hin und freute mich auf die Messe, da schob eine Frau einen (geistig?) schwer behinderten Mann im Rollstuhl nach vorn neben die erste Reihe. Sie setzte sich neben ihn an den Rand der ersten Bank, in mein Blickfeld. Der Mann hatte den Mund offen, etwas Spucke lief heraus und ab und an machte er eine Art Schnarchgeräusche, doch ich glaube, er war wach.

Das Bild berührte mich und störte meine Ruhe. Behinderte tun mir unendlich leid, so sehr leid, dass ich gar nicht weiß, wie ich mit ihnen umgehen soll. Ich will nicht beschämt wegschauen, aber auch nicht gaffen. Ich bin kein Voyeur oder Kathastrophentourist, aber ich bin unsicher. Wie gesagt, es stört mich in meiner gemütlich eingerichteten Welt, in der meine Probleme die größten sind, und ich weiß nicht, wohin mit meinem Mitleid. Ich will nicht ignorant erscheinen, aber auch nicht aus falschem Mitleid aktionistisch.
Aber das verlangt ja auch niemand von mir. Es waren Gottesdienstbesucher wie jeder andere auch und so lächle ich sie an, wenn sich unsere Blicke begegnen, helfe, wenn ich merke, dass ich etwas tun kann und ansonsten geht eben jeder seiner Wege.

Durch seine Laute wurde meine Aufmerksamkeit immer mal wieder auf den Mann gelenkt. Und nach der Messe sah ich, wie sich seine Frau zu ihm herüber beugte, ihn umarmte, seinen Mund abwischte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. In diesen Gesten lag so viel Liebe und ich muss auch heute noch beim Gedanken daran lächeln.

Sie haben mir gezeigt, wie dankbar ich sein kann, wie gut es mir geht im Vergleich zu anderen. Ich danke den beiden für ihre Lektion in Dankbarkeit und Demut.
Und ich wünsche ihnen Kraft und Gottes Segen!