Von Armut und Luxus-Sorgen

Die Bergpredigt ist ja eine sehr zentrale Stelle im Neuen Testament und auch Kirchenferne kennen meist irgendwie diese Worte „Selig sind die Armen“ usw. Dass die Seligpreisungen nur ein Teil der Bergpredigt sind ist vielen und war mir auch nicht so recht klar und ich muss gestehen, dass ich mich mit ihnen immer etwas schwer getan habe – einerseits so ausgelutscht (vgl. die Geschichte vom verlorenen Sohn), andererseits nicht so einfach zu verstehen… Im Reli-Unterricht waren sie auch Thema, aber unser Pfarrer fand sie offenbar so wichtig und grundlegend, dass er sie nahezu unkommentiert stehen ließ, dabei sind sie keineswegs selbsterklärend!

Inzwischen haben wir uns etwas angenähert und sie gefallen mir immer mehr 🙂

Wirklich berührt hat mich neulich bei der Bibellese aber eine andere Stelle der Bergpredigt: Matthäus 6,25-34. (In der Neuen Genfer Übersetzung – meine derzeitige Lesebibel)

Wer von euch kann dadruch, dass er sich Sorgen macht, sein Leben auch nur um eine einzige Stunde verlängern?

Dieser Satz könnte auch in einem Lebenshilferatgeber stehen, oder? (Ich sag nur: „Sorge dich nicht – lebe“) Sorgen machen bringt gar nix, nur graue Haare und Depression. Und doch können wir Menschen offenbar nicht anders. Gott weiß es, Jesus weiß es und er sichert uns zu: Für euch ist gesorgt! Ihr werdet Essen und Trinken und Kleidung haben. Alles was ihr braucht, euer Vater weiß es doch. Und er kümmert sich sogar um die Vögel und die Blumen und ihr Menschenkinder seid doch noch viel mehr Wert als sie! Warum macht ihr euch also Sorgen?!

Ja, warum? Es scheint fast als läge es in unserer Natur. Hier stehe ich und kann nicht anders. Wir Menschen wollen immer mehr, sind offenbar nie zufrieden. Wir wollen eine eigene Wohnung und wenn wir die haben eine größere und dann ein Haus und einen Garten. Und ein Auto. Ein neues, ein größeres, ein zweites, einen Sportwagen für die Sonntagstouren. Einen Fernseher, einen mit Flachbildschirm, eine dolby-irgendwas-Anlage fürs Kinogefühl. Und je mehr wir wollen, umso mehr „Angst“ haben wir, es nicht zu bekommen oder wieder zu verlieren. Da sind sie unsere Sorgen.

Zum Glück muss sich in Deutschland kaum jemand wirklich Sorgen um Essen, Trinken, Kleidung machen. Aber wir sind nicht dankbar dafür, unsere Ansprüche verschieben sich einfach nur und die Sorgen beziehen sich auf andere Dinge. Es reicht nicht einfach Kleidung zu haben, es muss die Markenjeans sein und die wird jeden Tag gewechselt. Es reicht nicht satt zu werden, Essen muss immer Genuss sein und abwechslungsreich und wenn es nicht schmeckt, dann ab in den Müll.

Es gibt einfach zu viel von allem. Gerade jetzt in der Adventszeit fällt es mir besonders auf. So viele Geschäfte, so viele Weihnachtsmarktbuden – und doch irgendwie immer das gleiche. Der Wahnsinn der Weihnachtsgeschenke – neuer, größer, teurer. Was soll man Kindern schenken, deren Kinderzimmer voll ist mit Spielsachen? Die auch zwischendurch einfach mal so ein Spiel oder ein Buch oder ein Kuscheltier bekommen? Was ist ein Geschenk wert, wenn es doch sowieso nach 4 Wochen wie all die anderen im Schrank liegt? Und vor allem: Wieso kann man sich nicht dagegen wehren Teil dieser Konsum- und Wegwerfgesellschaft sein?

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland bin ich mittlerweile wieder in eine eigene Wohnung gezogen und habe die Kisten, die zwei Jahre eingelagert waren, ausgepackt. Wer braucht all diese Tassen? Die alten Kuscheltiere? Die Unmengen CDs? Kaum etwas davon habe ich in den zwei Jahren vermisst. Was davon brauche ich wirklich? Ja, auch die Frage, brauche ich wirlich 5 Bibelübersetzungen?

Ich sehne mich nach Einfachheit und doch mache ich weiter mit und kaufe und konsumiere und werfe weg. In Zeiten von solchen Überlegungen verstehe ich, wenn Ordensleute sagen, dass Verzicht frei macht. Dass Armut frei macht (Nein, ich rede hier nicht von Existenzängsten, ich rede vom Beschränken auf das, was wirklich notwendig ist). Wie kann man den evangelischen Rat der Armut im (weltlichen) Alltag beherzigen?

Der Artikel hat beim Schreiben eine ganz andere Wendung genommen als geplant. Ich wollte doch über den Satz aus der Bergpredigt, dass wir uns keine Sorgen machen sollen, schreiben! Das versuch ich später noch mal. Jetzt träum ich erstmal vom Leben in einer kleinen Hütte mit Selbstversorgergarten.
Und dann –
geh ich Weihnachtsgeschenke kaufen…

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Gott be-greifen

Der post spukt mir schon länger im Kopf herum, heute zum Fest des Hl. Apostel Thomas passt er nun zufällig auch ganz gut.

Thomas, der nicht glauben konnte ohne zu sehen, ohne zu berühren, der nicht glauben konnte, ohne es zu begreifen, zu be-greifen.

Wir müssen glauben ohne zu sehen und wir kennen wohl alle Momente des Zweifelns, in denen wir nur zu gern unsere Hand in Jesu Seite legen würden. Thomas steht sozusagen stellvertretend für uns alle, die wir uns manchmal schwer tun mit dem Glauben, er hat für uns bezeugt „Mein Herr und mein Gott!“

Dazu der Hymnus von der heutigen Vesper aus dem Te Deum:

Mein Herr und mein Gott,
auch wir Zweifler
wollen begreifen,
das Unfassliche berühren.

Den Finger in die Wunde legen –
das musste einer tun,
nie verstummten Zweifel hegen –
das durfte nicht unterbleiben.
Wo kämen wir sonst vor
in diesem Stück.

Lade uns ein,
die Zögernden vom Rand,
dann tasten wir uns zurück
bis an dein Herz,
dieses Tor –
sperrangelweit offen für alle,
die nicht sehen und doch glauben.

C.D.

Als ich heute den Text aus dem Johannesevangelium las, ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass wir gar nicht erfahren, ob Thomas tatsächlich die Wundmale Jesu berührt hat. Jesus fordert ihn dazu auf – und irgendwie find ich den Gedanken schön, dass das vielleicht schon genug „Beweis“ für Thomas war. Und auch hier sehen wir wieder – wie bei Petrus, der auf dem Wasser läuft (Post dazu hier) – dass Jesus ihm nicht vorwirft gezweifelt zu haben, wieder reicht Jesus seinem Jünger die Hand und ermutigt ihn zum Glauben!

Verstehen und begreifen sind im Deutschen Synonyme und dadurch kann man dieses schöne Wortspiel machen (Weiß jemand, ob das in anderen Sprachen auch funktioniert?): Um etwas zu verstehen muss man es begreifen, greifen, mit den Händen anfassen. Als Lehrer ist mir das nicht neu, erzählen kann man viel, wenn die Schüler nicht mitmachen, nicht selbst etwas tun, bleibt nur wenig hängen. Und wie sagte schon Konfuzius:

Sage es mir und ich werde es vergessen. Zeig es mir und ich werde mich daran erinnern. Lass es mich tun und ich werde es verstehen.

Unser Glaube erscheint mir manchmal sehr verkopft und wenig greif-bar. Er ist so theoretisch, so aufgeklärt, so logisch – zumindest sollte er am besten so sein. Wir wollen verstehen – aber nur mit dem Kopf, nicht begreifen mit den Händen.

In Italien ist Religion, ist Katholisch-Sein viel alltäglicher als ich es aus meiner ostdeutschen Heimat kenne. Gottesdienste, Prozessionen, alles viel selbstverständlicher (die Qualität und Tiefe kann und will ich nicht beurteilen) und irgendwie … symbolischer.

Wenn man hier in die Kirche geht, fällt einem z. B. eine Geste sofort auf: Zum Abschluss des Kreuzzeichens wird die Hand/Faust zum Mund geführt und geküsst. Ich musste lange nach einer Erklärung dafür suchen, denn viele machen es einfach aus Gewohnheit, ohne es zu hinterfragen und ich muss gestehen, nach zwei Jahren hier, verspüre auch ich den Impuls zum „Amen!“ meine Hand mit den Lippen zu berühren, es passt auch einfach so gut. Inzwischen habe ich eine Erklärung gefunden, die mir recht logisch erscheint, auch wenn ich sie nur ohne Gewähr weitergeben kann: Man hat die Hand leicht zur Faust geballt und legt dabei den Daumen über den Zeigefinger, so dass sie ein Kreuz bilden, das Kreuz, unter das ich mich mit dem Kreuzzeichen gerade gestellt habe und dass ich nur als Zeichen der Verehrung küsse.  Nachdem ich diese Deutung weiß, mache ich es nun manchmal ganz bewusst – vielleicht probiert ihr es ja auch mal aus. 😉

Doch das ist bei weitem nicht die einzige Geste, mit der die Leute hier versuchen ihren Glauben zu begreifen: kaum eine Jesus-, Marien-, Heiligenstatue bleibt bei einem Kirchenbesuch ungeküsst. Gemälde, Rahmen, Sarkophage werden berührt, die Hand danach geküsst. Das ist mir fremd, da verspüre ich keinen Drang es ihnen gleich zu tun. (Ich war auch die einzige in der vollen Kathedrale, die bei der Karfreitagsliturgie das Kreuz nur durch eine Kniebeuge und nicht durch einen Kuss oder wenigstens eine Berührung mit der Hand verehrte.)

Ich will nicht über Vor- und Nachteile sprechen, es gibt hier wohl kein richtig oder falsch. Jeder muss/kann es so machen, wie er es will und ich bin wohl eher ein distanzierter Typ, aber trotzdem kann ich davon etwas lernen. Übrigens ist das ja kein katholisches Phänomen, die orthodoxe Kirche ist ohne das Berühren kaum vorstellbar, auch Nicht-Gläubige berühren ja bestimmte Statuen um Glück zu haben oder den Schornsteinfeger (wenn man denn noch einen trifft) und auch in anderen Religionen ist berühren selbstverständlich.

Was man sich also bewusst machen kann, ist die Bedeutung der Berührung. Wir haben nicht nur unsere Augen um zu sehen, unseren Verstand, wir haben Hände, Füße, wir können riechen, schmecken, fühlen und auch damit Gott erfahren. Es muss ja kein Kuss auf den schon ganz speckigen Fuß einer Heiligenfigur sein! Wir können Gott finden, indem wir den Wellen zuhören, dem Rascheln der Blätter, indem wir den Wind fühlen auf unserer Haut, indem wir die Arme austrecken zu unserem Vater im Himmel.

Und wir können diese Berührung weitertragen, in unsere Familien, zu unseren Freunden. Eine Umarmung, ein Schulterklopfen, ein Streicheln – es kann so viel geben. Eine kurze Berührung nur – wie es die seit 12 Jahren blutflüssige Frau mit Jesus‘ Gewand tat (hä?)- und schon sind wir geheilt.

Deswegen mag ich auch die Handkommunion, ich mag den Moment, wo der Leib Christi in meiner Hand liegt, ich kann ihn betrachten, ihn anfassen, ihn berühren und begreifen.

Also, lassen wir uns von Gott berühren, lasst uns Gott begreifen.

Gottvertrauen und Kleinglaube in der Bibel – Teil 2

Ihr musstet lange darauf warten, hier nun der 2. Teil zum Posting von Geschichten über Gottvertrauen in der Bibel (hier geht’s zu Teil 1)

 

Die Jünger sind also bei Sturm in einem kleinen Fischerboot mitten auf dem See, als eine Gestalt wie aus dem Nichts auftaucht und auf sie zukommt und sie hören Jesus‘ Stimme, die ihnen zuruft: „Habt keine Angst!“

Petrus, der erste und älteste Jünger, vielleicht auch der erfahrenste Fischer, ist es, der allen Mut zusammennimmt und sich der Situation stellt und mit Jesus spricht: „Wenn du wirklich Jesus, unser Herr, bist, dann mach, dass ich auf dem Wasser mitten durch den Sturm zu dir kommen kann.“

Hier stellt sich mir die Frage, warum sagt Petrus das. Warum sagt er nicht: „Hey, schön, dass du da bist, komm ins Boot!“ oder „Mensch, Jesus, wie kommst du denn hierher?“ oder „Herr, mach doch, dass der Sturm sich legt, wie du es schon einmal getan hast.“ (Mt 8,23-27)
Ist es eine Art Test, um zu sehen, ob es wirklich Jesus ist und nicht doch ein Ungeheuer? Wahrscheinlich. Zumindest fällt mir keine andere Interpretation ein, euch vielleicht?

Drei Dinge können wir erkennen: zum einen glaubt Petrus nicht einfach alles und will auch diese schwierige Situation verstehen, um zu wissen, womit er es zu tun hat und zum anderen ist er inzwischen lange genug mit Jesus unterwegs, um zu wissen, Jesus kann alles, er kann Wunder vollbringen, auch wenn es immer wieder die Vorstellungskraft der Jünger übersteigt. Und das dritte: Er weiß, dass er aus sich selbst heraus nichts vermag. Er ist nicht so vermessen einfach aus dem Boot zu steigen. Nein, nur durch Gott kann er das vollbringen.

Und was macht Jesus? Der sagt einfach: „Komm!“ Ohne Anleitung, ohne nochmalige Bestätigung, dass er es ist, ohne große Worte, einfach nur: „Komm!“

Solche Situationen kennen wir auch alle. Es gibt Stürme in unserem Leben, große und kleine, Situationen, wo wir kein Land mehr sehen, Momente, in denen wir neu anfangen müssen, neue Schritte wagen, uns auf unbekanntes Terrain begeben müssen. So wie Petrus, der als Fischer das Wasser zwar gut kennt, aber eben nur vom sicheren Boot aus. Nun soll er ohne Boot, ohne Rettungsweste (wenn es so etwas damals schon gegeben hätte) auf dem Wasser gehen. Vielleicht hat er in dem Moment gedacht: Oh Mist, hätt ich doch nichts gesagt, nun muss ich da durch…

Er nimmt also allen Mut zusammen und steigt voll Vertrauen auf Jesus aus dem Boot und siehe da: er geht nicht unter, das Wasser trägt ihn. Ein Schritt, noch ein Schritt – ein Wunder! Wie unglaublich muss sich das angefühlt haben, welch Euphorie muss Petrus ergriffen haben. Ja, das ist Jesus, unser Herr, Gottes Sohn!

Doch dann wird er sich wieder der Situation bewusst, auf einmal nimmt er wieder den Sturm war, die Wellen, ihm wird klar, da ist nichts unter mir, man KANN nicht auf dem Wasser laufen (und vielleicht konnte er noch nicht einmal schwimmen). Angst! Kein Vertrauen mehr. Sein Blick geht weg von Jesus, er sieht nur noch sich und seine Unfähigkeit gegen diese Situation anzukommen. Und er beginnt unterzugehen.

Die anderen im Boot können ihm nicht helfen, er selbst sich auch nicht, bleibt nur eins, nur einer: Jesus. Ob nun doch das Gottvertrauen aus Petrus spricht oder seine schiere Todesangst, als er fleht: „Herr, rette mich!“ werden wir nicht erfahren. Es ist auch nicht weiter von Bedeutung, denn ich will den Blick jetzt auf Jesus lenken.

Sofort streckt er die Hand aus. SOFORT. Er läßt Petrus nicht noch ein bißchen zappeln als Strafe für seinen Kleinglauben, als Denkzettel – nein, SOFORT hilft er. Sofort ist er zur Stelle, wenn ihn jemand um Hilfe bittet. Sofort hält er uns seine Hand hin. Wohlgemerkt, er hält uns seine Hand hin, er zieht uns nicht aus dem Wasser, wir müssen seine Hand schon selbst ergreifen!
Er will nicht, dass wir Angst haben, er will nicht, dass uns etwas passiert, er ist jederzeit da, um uns zu helfen.

(c) Boschfoto mit creativ commons auf wikipedia.de

(c) Boschfoto mit creativ commons auf wikipedia.de

Seine folgenden Worte habe ich lange Zeit als Vorwurf verstanden, mit harter, strenger Stimme vorgetragen: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“
Inwzischen höre ich sie viel leiser, fast so als würde Jesus mehr mit sich selbst sprechen. Er ist traurig. Traurig, dass Petrus nicht weiter geglaubt, nicht weiter vertraut hat. Traurig, dass wir immer wieder an ihm zweifeln.

Doch selbst nach dieser Enttäuschung wendet sich Jesus nicht ab und sagt: „Tja, Pech gehabt, ihr vertraut nicht genug, nun seht zu, wie ihr an Land kommt.“ Nein, er bleibt bei seinen Jüngern und der Sturm legt sich.
Auch wenn wir eine Prüfung unseres Glaubens, einen Vertrauensprobe nicht bestehen, verlässt uns Gott nicht! Er läßt uns zur Ruhe kommen, gibt uns Zeit zum Nachdenken, Zeit ihm zu danken. „Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn!“

Gottvertrauen und Kleinglaube in der Bibel

Will man in der Bibel nach Geschichten zum Gottvertrauen suchen, kann man sie ja eigentlich an beliebger Stelle aufschlagen und wird etwas passendes finden.
Die ganze Bibel ist voll von Geschichten über (Gott-)Vertrauen und … ja, eben nicht Vertrauen. Z.B. Noah, der jahre-, jahrzentelang an einem Schiff baute – allein aus Vertrauen zu seinem Herrn, ohne wirklich zu verstehen, was passieren wird. Oder die Geschichte der Israeliten, die der Herr aus Ägypten nach Kanaan führt: ein ständiger Wechsel von Gottvertrauen und Misstrauen, von Gotteslob und Abkehr. Und so weiter und so fort.

Ich will heute ein paar Gedanken über eine Textstelle im Neuen Testament, die sehr offensichtlich mit Vertrauen zu tun hat, aufschreiben.

Jesus geht über das Wasser (und Petrus geht (fast) über das Wasser)

Hier erst einmal die Bibelstelle aus der Einheitsübersetzung (Matthäus 14,22-33)

Gleich darauf forderte er die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch allein auf dem Berg. Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See. Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst. Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme. Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu. Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.

Versetzen wir uns erst einmal in die Situation.

Es ist Nacht. Dunkel. Die Jünger sind auf einem kleinen Fischerboot. Mitten auf dem See. Um sie herum nur tiefschwarzes Wasser. Die Wellen sind vielleicht mannshoch, das kleine Schiff schaukelt hin und her. Ab und zu kann man noch einen Blick auf das ferne Ufer werfen. Nur ein paar Sterne sind am Himmel zu sehen, wenn die Wolkenfetzen eine Lücke lassen. Die Hände der Jünger werden klamm. Die Füße finden auf den nassen Planken kaum noch Halt. Gut, viele von ihnen sind Fischer und erleben solch einen Sturm sicher nicht zum ersten Mal, aber sie wissen auch um die Gefahren.
Wer schon mal bei Sturm am Meer war und vielleicht auch mit einem Boot/Schiff, einer Fähre gefahren ist (nachts, bei Sturm und Wellengang) kann sich sicher vorstellen, dass das alles andere als gemütlich ist. Zumal wenn man den ganzen Tag mit Jesus unterwegs war, jetzt sicher müde und geschafft ist und zudem das Wunder der Brotvermehrung noch „verdauen“ muss (Wortspiel!).

Sturm auf dem Meer

(c) Eijiha Jimia mit creativ commons von flickr.com

Und nun kommt mitten durch die Wellen – ja, was? Durch das Schaukeln des Bootes können die Jünger immer nur einen kurzen Blick auf die Gestalt werfen. Sie trauen ihren Augen nicht. Ein Mensch kann es nicht sein. Ein Seeungeheuer? Ein Geist?! Sturm – ok, der legt sich wieder, mit Geduld, Kraft und Umsicht schaffen sie es ans andere Ufer. Aber gegen einen Geist haben sie keine Chance. Sie rufen und schreien, weinen – alle durcheinander.

Und da plötzlich, ganz klar und deutlich – trotz des tosenden Sturms – eine vertraute Stimme: Habt keine Angst. Ich bin’s, Jesus!

So, nun bin ich ja ins Erzählen gekommen. (Vielleicht schon die Vorfreude auf die Bibelerzähler-Ausbildung, die ich nächstes Jahr machen will.)
Meine Gedanken zur Bibelstelle im nächsten in einem späteren Post.

Von Vätern und Söhnen (und Müttern und Töchtern)

Gestern war es mal wieder dran, das Evangelium mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn. *gähn* Das ist eines der Klassiker im Religionsunterricht, oder? Also zumindest bei uns kam das immer wieder und war echt ausgelutscht. Sorry, wenn ich das so sage, aber wichtige Dinge kann man Kindern nun mal nicht nur dadurch rüberbringen, indem man sie immer wieder wiederholt, dann ist Abschalten, Genervtsein und schließlich Abneigung als Reaktion wahrscheinlicher als Wertschätzen und Verstehen. So ging es auch mir mit dem verlorenen Sohn. Als ich dann in der Jugend war – bloß keine Bibelarbeit zum verlorenen Sohn. Nee! Unbewusst hat sich dieses Gefühl bis heute wohl gehalten. Gestern kam ich aber „zwangsweise“ wieder in Kontakt mit dem verlorenen Sohn.

EVANGELIUM von Sonnabend, 02.03.13: Lukas 15,1–3.11–32

In jener Zeit kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus, um ihn zu hören.
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen.
Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.
Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land und es ging ihm sehr schlecht. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.
Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen und ich komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.
Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.
Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.
Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz.
Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu.
Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.
Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Ich muss gestehen, ich hatte es wohl auch einfach nicht richtig verstanden. Ich konnte die Reaktion des älteren, beim Vater gebliebenen Sohnes immer besser nachvollziehen. Ist doch wirklich ungerecht. Und anscheinend konnte auch kein Pfarrer, keine Gemeindereferentin mir das wirklich erklären.

Heute weiß* ich, egal wieviel Scheiße wir gebaut haben, wenn wir zurückkommen zum Vater, umkehren zu Gott, er liebt uns. Seine Barmherzigkeit ist größer als die größte Sünde.

*Das mit dem wissen ist so ne Sache. Ich glaube es. Ich will es glauben. Manchmal vergess ich es…

In letzter Zeit habe ich mich viel mit dem Wort Vater beschäftigt. Gott Vater. Es ist ein Bild, klar, aber eins, was es nicht nur einfacher macht.

Ich habe einen guten Vater. Einen, der mich liebt, der immer zu mir steht, mich immer unterstützt. Da kann ich echt nix sagen. Aber es ist kein Vater, mit dem ich über alles reden könnte. Können könnte ich vielleicht schon, aber ich würde es nicht tun. Auch wenn ich ergänze, Gott ist wie Vater und Mutter, löst es das Problem nicht. Irgendwie hat doch jeder mit seinen Eltern Probleme, große, kleine, vergangene und gegenwärtige. Normal, menschlich. Und genau da ist das Problem bei diesem Bild. Gott ist eben nicht menschlich. In der Beziehung zu ihm gibt es keine Probleme. Er ist also das „Idealbild“ von Vater und Mutter.

(Wenn ich, die das hat, was man im allgemeinen „ein gutes Verhältnis“ zu den Eltern nennt, schon Schwierigkeiten mit dem Bild Gottes als Vater habe, wie muss es Leuten gehen, die echt schlimme Sachen mit ihren Eltern erlebt haben?)

Zurück zum Gleichnis:
Martin Luther hat über dieses Gleichnis gesagt:

Wenn die ganze Bibel verloren ginge und es bliebe nur dies Gleichnis übrig, so wäre alles gerettet.

Und heute kann ich sagen: Ja, stimmt. Dieses Gleichnis ist wunderschön. Gott ist die Liebe. Und stärker als in diesem Gleichnis findet man es kaum in der Bibel. Mehr gibt es nicht zu sagen: GOTT IST DIE LIEBE.

Als ich nach dem Zitat gesucht habe, bin ich auf eine Predigt gestoßen. Sie entwirft ein Gruselszenario von einer Zukunft ohne Bibel. Wer mag, kann sie hier nachlesen.

Zum Schluß noch eine Geschichte von meinem Papi, an die ich immer denken will, wenn mir das Bild Gott Vater Bauchschmerzen macht:

Wir waren im Winterurlaub. Ich ein kleiner Steppke von vielleicht 10 Jahren. Wir waren zu dritt auf Langlaufskiern unterwegs: mein Papi, meine Schwester (6 Jahre älter) und ich. Mama war im Heim (ein Erholungsheim von Ordensschwestern) geblieben, Skifahren ist nicht ihrs. Langsam dämmerte es schon und wir waren auf dem Weg zurück, um pünktlich 17.30 Uhr beim Abendbrot zu sein. Unser Weg führte noch am „Hausberg“ entlang, eine Abfahrt zum Schluß war dort Pflicht. Irgendjemand hatte auf diesem Hang eine Mini-Skisprungschanze aus Schnee gebaut. Sah nach nix weiter aus. Und ich wollte da natürlich weißflog-gleich hinuntersegeln, sieht ja ganz einfach aus im Fernsehen. Mein Papi sagte „Nein, mach’s nicht. Lass es. Fahr noch einmal so runter und dann müssen wir zurück.“ Er wußte es wohl besser…
Ich bin natürlich trotzdem „gesprungen“. Soll heißen, ich bin über die Schanze gefahren, ein Ski verdrehte sich total und mit dem Gesicht voran lag ich im Schnee. Mein Bein tat tierisch weh. Doch die Schmerzen waren in dem Moment nicht das schlimmste. In den paar Sekunden, bevor mein Vater und meine Schwester bei mir waren, hatte ich einfach nur Angst vor meinem Vater, weil er doch gesagt hatte, ich solle es nicht tun, weil er doch jetzt bestimmt schimpfen würde.
Was soll ich sagen? Er nahm mich in die Arme, half mir auf, hielt mich fest. Kein böses Wort, kein „Ich hab dir doch“ oder „Hättest du“. Er löste die Skier von meinen Füßen und stützte mich. Mein Knie tat sehr weh. Und nun merkte ich die Schmerzen und nun spürte ich auch den Schreck, ich zitterte. Alle paar Meter kniete mein Papi sich mit einem Bein in den Schnee, sodaß ich mich auf seinen Oberschenkel setzen konnte.
Wahrscheinlich hat er mich dann ins Heim getragen und meine Schwester die Skier – keine Ahnung. Das weiß ich nicht mehr, aber an dieses Bild kann ich mich noch genau erinnern: Mein Papi im Schnee knieend, ich auf seinem Oberschenkel sitzend. Keine Vowürfe, nur Liebe, Hilfe, Dankbarkeit. Alles wird gut. So ist Gott.
Vater!

(Meine Mama hat dann allerdings ziemlich geschimpft 😉 )

Die Sache mit dem Fasten – Teil 2

Die Sache mit dem Fasten ging nach dem letzten Post ziemlich schief.

Weil ich so unzufrieden mit meinen Gebets- und Bibelleseverhalten war, hab ich mir ja vorgenommen, die Texte genauer zu bedenken, mir beim Beten Zeit zu nehmen, still zu werden, zu hören statt zu plappern.

Tja, was hab ich also getan?

Ich habe gar nicht mehr gebetet und gar nicht mehr in der Bibel gelesen. Ich habe mir die Zeit nicht genommen (oh ja, ich hätte sie zu genüge gehabt), denn da muss ja noch der Brief geschrieben werden und einkaufen muss ich noch und jetzt sind grade so viele Gedanken in meinem Kopf und nein, jetzt bin ich zu müde und beim Beten einschlafen, das geht doch nicht. Also lieber gar nicht beten. Was nicht heißen soll, dass ich die anderen Sachen getan hätte. Statt Briefe zu schreiben, habe ich ferngesehen, statt einkaufen zu gehen, im Internet gesurft, statt zu schlafen, habe ich gelesen. Drei Tage sind so ins Land gegangen, an denen ich seit dem Aufstehen aufs Schlafengehen gewartet habe.

Fast scheint es mir so, dass ich Angst vor der Stille habe, vor dem, was ich „hören“ könnte.

Ich schreibe auch seit Wochen kein Tagebuch mehr, obwohl ich weiß, dass es mir gut tun würde. Angst, vor den Gedanken, die dabei kommen könnten?

Ich habe gemerkt, wie sehr mir Gott in diesen Tagen gefehlt hat. Ich habe an ihn gedacht, ihn auf später vertröstet, mich entschuldigt, dass es heute wieder nichts wird mit dem Gebet. Aber ich fühlte mich so fern von ihm.

Nun weiß ich, dass ein geplappertes Stundengebet wichtig für mich ist, dass ich es brauche um bei Gott zu bleiben, dass, auch wenn der konkrete Psalmtext nicht lange in meinen Gedanken, geschweige denn in meinem Herzen bleibt, er mir hilft, dass Gott in meinen Gedanken bleibt, mein Herz bei Gott bleibt.

Und als ich heute morgen aufgestanden und zur Hunderunde raus bin, voll guter Vorsätze und Vorfreude auf einen Tag wieder mit Bibellektüre und Stundengebet, da schenkte mir der Himmel einen wunderschönen Regenbogen! Danke!

Herr, ich muss das stille, betrachtende, hörende Gebet noch lernen. Sei du mein Lehrer. (Oder schicke mir jemanden, der mich lehrt.) Und bis dahin nimm mein Plappern an!