Christ und (trotzdem) depressiv?

Manchmal frage ich mich, wie man all das schaffen soll. Wie schafft man es sein Leben zu meistern? Oder wenigstens zu „gesellen“? Muss ja kein Meisterstück werden, aber sollte doch irgendwie gelingen.

Es liegt keine ganz leichte Zeit hinter mir. Ich war in Therapie, habe Antidepressiva genommen. Inzwischen lebe ich ohne beides. Doch vorbei ist die Zeit nicht. Vieles, was ich damals getan habe, um … ja, warum eigentlich? Um mich zu spüren? Um mich nicht mehr zu spüren? Um zu vergessen, zu verdrängen? Es belastet mich bis heute. Ich finde keinen Abschluss, keine Vergebung. „Haben Sie sich selbst verziehen?“ fragte mich meine Beraterin einmal. Nein, ich habe es bis heute nicht. Das sind die Nachwehen der schlimmen Depression, die ich immer noch spüre.

Etwas anderes sind die kleinen Depressionen, die immer wiederkehren. Das Unvermögen irgendetwas zu tun. Die Kraftlosigkeit, das Muster zu druchbrechen. Die lähmende Müdigkeit. Obwohl ich weiß, was mir gut tut, was mir in so einer Situation hilft, obwohl ich weiß, dass ich für so vieles dankbar sein kann, dass es anderen viel schlechter geht – in diesen Momenten nützt das alles nicht.

Huppicke beschreibt es in ihrem Blog, der zu meiner fast täglichen Lektüre geworden ist und in dem ich mich trotz sehr unterscheidlicher Lebensweise so oft wiederfinde:

Ich spüre, dass ich in diesen Tagen unterschwellig selbstzerstörerisch und selbstmissbrauchend bin. Mein Zustand, den die Therapeutin depressiv nannte. Ich weiß nicht. Die meisten anderen Patienten, die ich traf, die hatten wirklich Grund dazu. Ich nicht.
[…]

Das Stundengebet tut mir gut.
Die Heilige Messe tut mir gut.
Ordnung im Haus tut mir gut.
Draußen sein tut mir gut.

Bin ich unterschwellig depressiv lasse ich das alles fallen. Ich tue, was mir gut tut, einfach nicht. Ja, das geht so einfach. Und das Gute zu tun wird so schwer.

Ich „kann“ dann nichts anderes tun als im Internet zu surfen und fernzusehen – und das auch nur weil man leider nicht die ganze Zeit schlafen kann. Ich kann nicht beten, nicht dankbar sein und erst recht nicht Gott loben.

Macht das Christsein eine Depression schlimmer? Oder sollte die „Frohe Botschaft“ einem nicht eigentlich Trost und Kraft spenden? Und wenn sie es nicht tut, was bedeutet das dann für mich als Christ?

Es stimmt wohl beides. Der Glaube kann einem wieder Kraft geben, aber er kann die Schuldgefühle auch verstärken. So wie die Depression an sich ein sehr widersprüchliches Wesen hat. Denn man „weiß“ genau, wie sie funktioniert und was man tun muss, um aus den Schatten wieder heraus zu kommen und doch tut man es nicht.

Sind Christen also „anders“ depressiv? Ich denke ja, und deswegen sollten für sie auch entsprechende Therapiemöglichkeiten geboten werden, die den religiösen Bezug herstellen. Ein paar (unvollendete) Gedanken dazu:

Wenn ich in einer depressiven Phase bin, dann kann ich das Schöne nicht sehen, nicht die Sonne, die Blumen, das Meer, die Berge und auch nicht das Gute in meinem Leben, daß ich keinen Hunger leiden muß, in Frieden leben kann, eine Familie, eine Beziehung, Freunde habe. Dieses Gefühl ist nicht schön und ich gelte schnell als undankbar. Unerträglich wird aber das Gefühl dadurch, dass ich ja daran glaube, daß Gott der Schöpfer all dessen ist und ich so nicht nur ins Leere hinein undankbar bin, sondern ganz konkret meinem Gott gegenüber.

Ich kann nicht beten, nicht mit Gott in Beziehung treten, was doch meine Aufgabe ist als sein Kind. Ich vernachlässige also nicht nur mein persönliches soziales Umfeld, meine Arbeit, mich selbst. Ich wende mich ab von dem, der mich geschaffen hat und dem mein Körper als Tempel dienen soll.
Von Werken der Nächstenliebe brauchen wir gar nicht zu reden. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass nur der den Nächsten lieben kann, der sich selbst liebt und wer tut das schon, wenn er depressiv ist.

Ich bin also nutzlos, nichts wert, zu nichts zu gebrauchen. Vorbilder aus der Bibel oder aus Heiligenlegenden machen mir mein erbärmliches Leben nur umso bewusster, denn DIE hatten wirklich Probleme und haben nicht an Gottes Liebe und seinem Beistand gezweifelt.

Vor allem in den Psalmen findet man viele Worte, die die Situation in der man sich in der Depression befindet, genau beschreiben:

Ich bin gekrümmt und tief gebeugt, den ganzen Tag geh ich traurig einher. (Ps 38)

… den ganzen Tag musste ich stöhnen … meine Lebenskraft war verdorrt wie durch die Glut des Sommers. (Ps 32)

Schon reicht mir das Wasser bis an die Kehle. Ich bin in tiefem Schlamm versunken und habe keinen Halt mehr. (Ps 69)

Und in jedem von ihnen findet sich die mutmachende Zusage, dass Gott trotz allem da ist, geholfen hat und hilft und ihm dafür Lob und Dank gebührt.
Doch die unzähligen Beispiele für Gottes Barmherzigkeit kommen nicht an, sie verpuffen einfach, bevor sie das Herz erreichen und Antrieb werden können.

Eine weitere Paradoxie der Depression ist das Gefühl die Last der ganzen Welt läge einem auf den Schultern, sich andererseits aber bewusst zu sein, dass es nur Kleinigkeiten sind, an denen man scheitert: der Abwasch, der Einkauf, das Abendgebet, das Zähneputzen. Wie kann ich angesichts solcher Lapalien Gott um Hilfe und Stärke zur Erfüllung dieser Aufgaben bitten?

Beim Stöbern im Internet zu diesem Thema bin ich oft auch auf die Aussage gestoßen, dass Depressive sich von Gott für ihre Sünden bestraft fühlen. Zum Glück (oder besser Gott sei Dank!) ging und geht es mir nicht so. Ich denke nicht, dass Gott mit Krankheiten (physischen wie psychischen) oder anderen Katastrophen strafen will. Dafür muss es eine andere Erklärung geben (und um darauf einzugehen braucht es einen eigenen Artikel).
Und doch kann ich diesen Gedankengang nachvollziehen und auch die Konsequenz sich von Gott abzuwenden, nicht mehr an ihn zu glauben, denn wenn es ihn gäbe, müsste er mein Schreien doch hören und erhören. Doch auch das liegt mir – nochmals Dank sei dir, Gott! – fern.

Warum?

Tief in mir ist das Vertrauen, dass Gott da ist, Gott hilft, mir Gott immer wieder eine Chance gibt, Gott verzeiht, wenn ich keine Kraft für ein Gebet hatte.
Ich glaube an Gott. Punkt.
Und ich kann mir nichts vorstellen, was mir diesen Glauben nehmen könnte.
Ich verstehe vieles nicht, ich habe Fragen zu vielen Glaubensdingen, habe zu Teilen des Katechismus auch eine andere Meinung. Aber ich glaube.

Und ich will darauf vertrauen, dass Gott mir Kraft gibt, dass es gut ist, so wie es ist, dass er es lenkt und leitet, dass er mir mein Kreuz auferlegt, aber auch die Kraft gibt, es zu tragen.

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7 Kommentare zu “Christ und (trotzdem) depressiv?

  1. Hallo, du Liebe. Du sprichst mir aus der Seele. So geht es mir, wie du in diesem Bericht schreibst. Ich halte so gut es geht an Jesus fest. Doch spüren tue ich ihn nicht. Für mich ist er immer der Jesus der anderen. Es ist mir zuweilen, als hätte Gott für allen Christen einen Weg, nur mit mir geht er keinen. So vieles das ich im Leben tun wollte gelang mir nicht. Ich scheiterte wegen meinen Ängsten, meinem mangelden Selbstvertrauen, meinem schwachen Willen, meiner inneren Traurigkeit die immer zwischen mir und den Menschen stand, zwischen mir und Gott, zwischen mir und dem Leben. Jetzt weiss ich oft nicht mal mehr was ich überhaupt will, ausser da sein für meine Familie. Habe das Gefühl nichts und niemandem etwas geben zu können. Und wenn auch, scheint mir alles bedeutungslos im Vergleich zu dem was anderen gelingt. Ja so ist es im Moment. Und dieser Moment dauert nun schon Jahre. Habe mit depressiven Verstimmungen zu kämpfen und ich gehe nächste Woche in Therapie.

    Möge Gott dich und mich begleiten und einen Weg haben, den er mit uns geht.

    Heutige Tageslosung: Ich bin der HERR, dein Gott, der dich lehrt, was dir hilft, und dich leitet auf dem Wege, den du gehst.
    Jesaja 48,17

    Ich will glauben.

    • Liebe Himmelsblume, danke für deinen ehrlichen Kommentar!
      Ich „glaube“, das Glauben-Wollen ist schon ein wichtiger Schritt um Jesus begegnen, ihn spüren zu können. Denn er ist bei dir und mir und allen, auch wenn wir es nicht fühlen können. Gott hat einen Weg für dich und geht ihn mit dir. Dessen bin ich mir sicher. Auch wenn ich nur zu oft selbst gern einen anderen Weg gehen würde. „Dein Wille geschehe“ ist so schwer…
      Ich wünsche dir alles Gute und Gottes Segen für die Therapie!
      Wenn du magst, schreib doch mal, wie es dir damit ergeht. Gern auch als Mail (Adresse unter „Über/Kontakt“)

  2. Hallo!
    Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen.
    Therapeuten haben mir noch nie helfen können. Das Einzigste was mich wirklich komplett geheilt hat, das ist der Geist Gottes, sowie das Lesen in der Bibel. (Besonders die Erlebnisse der ersten Apostel). Ich bin davon überzeugt. würden die Christen heute genauso leben und sich gegenseitig helfen, wäre alles einfacher.

  3. Hallo an alle! Wie mir dein Beitrag aus der Seele spricht! Ich bin sehr überrascht dass es da draußen jemandem ganz gleich geht! Ich hatte immer das Gefühl, dass ich mit solchen Gefühlen ganz alleine bin…! Ich habe mich immer gegen meine „Depression“ versucht zu wehren bzw. wollte es nicht wahr haben, da ich es einfach nicht verstehen kann, da ich auch ALLES habe was es auf dieser Welt gibt…..meine Gesundheit, eine tolle Familie, einen super Partner, Freunde, tolle Wohnung und eine gute Arbeit…und und und….und trotzdem nicht glücklich!!!! Mir geht es nun schon seit ca 20 Jahren so! Ich habe alles probiert. 1000 Selbsthilfebücher gelesen, Therapien, und und und…im Enddefekt hat gar nichts geholfen….wenn ich ein neues Buch hatte war ich bester Dinge und guter Hoffnung dass sich nun alles ändern wird! Aber nein, die Hoffnung versüßte mir höchstens ein paar Tage….bis sich wieder mein altes Gefühl einstellte. Nun bin ich zu einer Erkenntnis gekommen. Und ich weiß dass sie stimmt!: Als ich am Bodenzerstört nachts auf meinem Balkon stand und über diese Depressionen nachdachte traf es mich wie ein Blitz: Ich wusste auf einen Schlag: Die Depression will ist nicht der Gegner, den ich bekämpfen muss sondern sie zeigt mir als „Freund“ dass ich nicht „richtig“ lebe, dass ich was anders machen muss in meinem Leben, dass ich mich auf einem Irrweg befinde. Es ist nicht so wie viele glauben, dass man als Depressiver Sehnsucht nach dem Tod hat….nein im Gegenteil: man hat riesengroße Sehnsucht nach einem erfüllten Leben!!!!! Und ich weiß auch (was zumindest bei mir) der Auslöser für dieses „unerfüllte“ Leben ist: Ich lebe fast ausschließlich mit dem Kopf! Und nicht mit dem Herzen! Glück und Friede ist jedoch etwas was man NUR mit dem Herzen wahrnehmen kann. Und deshalb verstand ich auch nicht, warum eigentlich alles super ist in meinem Leben aber ich mich dennoch nicht glücklich fühlte. Weil ich alles nur mit meinem Kopf wahrgenommen habe und nie mit dem Herzen. Als Beispiel: Wenn ich mit meiner Familie zusammen sitze oder mit Freunden dann versuche ich ganz bewusst mein Herz zu öffnen…..und zu spüren…wenn mich einer von ihnen anlächelt, jemand liebe Worte findet, vielleicht einen Kuchen backt wenn ich zu Besuch komme, wenn mich jemand anruft und mich frag wie es mir geht…..wenn mich mein Freund in den Arm nimmt, wenn meine Katze meine Nähe sucht, ich könnte noch 1000 Beispiele nennen. Ich bin gerade erst dabei das „auszuprobieren“ und es ist nicht immer einfach, denn es hat auch was mit „Arbeit“ zu tun…mit Konzentration und Disziplin einen anderen Weg zu gehen….aber ich kann nur sagen, man muss immer wieder versuchen sein Herz zu öffnen. Ich weiß im Nachhinein…dass ich es die letzten 20 Jahre fast nie tat! So wurden Familientreffen, soziale Kontakte, Aktivitäten, Hobbies zur Last….etwas wo ich funktionieren musste. Ich versuche auch umgekehrt, wenn ich zb. jemanden zum Essen einlade, mir Zeit zu nehmen, wirklich mit Liebe, Bewusstsein und Konzentration zu kochen…einfach weil ich meinen Gast verwöhnen will, ihm was Gutes tun will. Und ich kann nur sagen: das Essen gelingt mit Liebe immer. Früher hab ich jedes Essen schnell, schnell, ohne Liebe zubereitet….einfach weil ich „musste“ …..ich habe mich immer vertan mit Gewürzen etc…sodass es mir nicht wirklich schmeckte. Mag sein, dass das alles sehr eigenartig klingt, aber so habe ich für mich den Weg gefunden und ich merke wie es immer mehr bergauf geht. Und in jeder Geste hinter der sich Liebe verbirgt, verbirgt sich Gott dahinter!!!!! Und ich sehe plötzlich sooo viel Liebe die mir den ganzen Tag begegnet. 20 Jahre war es nur grauer Nebel den ich sah. Nichts gutes, nichts schlechtes…da ist ja klar, dass man das Leben nicht genießen kann. Ich hoffe sehr, dass ich diesen Weg weitergehen kann, darf!!! Es ist nicht so dass ich ständig auf Wolke 7 schwebe….nein, aber ich kann endlich Glück empfinden. Habe aber auch immer wiedermal Momente wo es nicht so gut geht! Ich kann euch nur raten: Sprengt eure Ketten und Mauern ums Herz herum auf, reißt sie nieder, damit wir wieder mit dem Herzen fühlen können! Nur mit dem Herzen empfinden wir Glück! Und Gott spricht nur durchs Herz!

  4. hallo ihr lieben,ich bin vor Verzweiflung in das Internet gegangen,um Hilfe zu finden.Ich habe mich vor 16 Jahren zu Jesus Christus bekehrt.Habe schon seit meinem 17. Lebensjahr mit Depressionen zu kämpfen.Ich war schon mehrmals in der Pychatrie und hatte zwischendurch immer mal wieder Phasen,wo es mir einigermaßen gut ging.Nach 10 Jahren ohne Klinik bin ich wieder im dunklem Loch.Auch ich halte an Jesus fest,so gut ich kann.Bin voller Wut und Aggessionen.Werde von Selbstablehnung und allen anderen negativen Gedanken gepeinigt.Mein Kopf ist vller Gottes Wort,.Selbst das richtet sich gegen mich.Darf ein Kind Gottes sich so fühlen?Äußerlich habe ich alles,was ich brauche um glücklich zu sein…aber innerlich bin ich kapputt.Trotzdem habe ich immer noch Hoffnung.Meine Gemeinde meide ich,weil ich immer denke,das ich nur eine Last bin.Außerdem kann ich es nicht ertragen,wenn die anderen laut und fröhlich Gott preisen.Stand seit Anbeginn meines Christenlebens nur unter Leistungsdruck.Habe Jahrelang nur noch Bibel gelesen und andere christliche Bücher.Habe mich total damit überfordert.Hinzu kommt,das ich inzwischen denke das Jesus für mich denkt.Absolut krank in den Gedanken.Es hat sich bei mir leider fehlendwickelt.Meine Therapeutin hat mir geraten min.die nächsten 4 Wochen nichts christliches zu lesen,sondern Dinge zu tun,die mir guttun.Wie gesagt Hoffnung habe ich trotz alledem.Ich hoffe immer noch auf ein ganz persönliches Wunder Gottes und das wünsche ich jeden einzenen von euch.

    • Liebe Anett, danke für deinen persönlichen Kommentar!
      Erstmal: Ja, du darfst als Gottes Kind alles fühlen! Du darfst Wut haben und traurig sein und hoffnungslos – auch wenn andere dir dies absprechen wollen!
      Schau dir Elija an: Er hatte alles erreicht, Götterwettstreit gewonnen, die Israeliten waren sich wieder ihres Glaubens an den einen Herrn JHWH bewusst und dennoch: Todessehnsucht bei ihm!

      Leider scheinst du kein christliches Umfeld zu haben, was dich nimmt, wie du bist, was dich tröstet und trägt. Dann kann es das schlechte Gewissen verstärken, das kenne ich…
      Vielleicht hat deine Therapeutin recht, dass du ein wenig Abstand zu „christlichen“ Themen brauchst.

      Genieß das, was dir gut tut und fühl dich nicht schlecht dabei! Es kommt doch alles von Gott! Er liebt dich. Bedingungslos! Mit und ohne Depression – völlig egal!

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